Die litauische Führung will auch vor Panzern und Fallschirmjägern nicht nachgeben

Von Maria Huber

Wilna, im März

Die litauische Nacht begann am Morgen. Die Luftlande-Einheiten kamen mit den Putzfrauen. Als diese am Dienstag kurz vor sieben Uhr die schweren, verzierten Bronzetüren des ZK-Gebäudes im Zentrum von Wilna aufschlössen, sprangen die Fallschirmjäger von parkenden Militärwagen und besetzten Eingänge und Etagen. Die Väter-Generation der jungen Besetzer war noch zwei Stunden früher und mit roten Baretts zur Okkupation gekommen, als der Kreml am 21. August 1968 das Prager ZK-Gebäude an der Moldau umzingeln ließ. Damals halfen ihnen aus dem Hintergrund logistisch die moskautreuen Kommunisten Jakesch und Bilak, die inzwischen mit Gorbatschows Unterstützung aus ihren Ämtern gejagt worden sind. Auch in Wilna und Kaunas geleiteten jetzt lokale Kommunisten der russisch-konservativen Rumpfpartei die Fallschirmjäger zu den Häusern der Reformkommunisten.

Der tragische Konflikt zwischen den Nachfahren des litauischen Freiheitsfürsten Gediminas und dem sowjetischen Befreier Gorbatschow weist absurde Züge auf. Am Dienstag vormittag drängten sich vor allem junge Litauer am Gediminas-Prospekt, der bis vor kurzem noch nach Lenin benannt war, um das Schicksal der Reformkommunisten zu verfolgen. Hinter den verspiegelten Fenstern mit Sichtblenden waren schemenhaft junge Soldaten in Khaki-Uniformen und mit automatischen Waffen zu sehen. Ein alter Mann neben mir kommentierte: „Keine Litauer, aber alle weißhäutig.“ Plötzlich drehte sich ein junges Pärchen von der Fensterluke weg: „Brasauskas kommt gleich heraus!“

Krisztina und ihr Freund, beide Studenten der Geschichte, waren zum ersten Mal nicht in die Uni gegangen. „Sonst läuft der Unterricht normal. Wir haben viel aufzuholen. Unsere Geschichte ist zu wenig bekannt.“ Mit leuchtenden Augen beschwören sie, daß alles gut gehen werde; Tiflis und Baku – also die gewaltsame Niederschlagung nationaler Unruhen – würden sich nicht wiederholen. Wie stünde die Sowjetunion sonst da vor der Welt! „Aber Sie in der Bundesrepublik“, setzten sie eine Spur skeptischer hinzu, „haben jetzt ja wohl auch andere Sorgen.“ Eine Frau sagte: „Hoffentlich fließt kein Blut!“ Ihre Freundin dachte weiter: „Ich fürchte eigentlich nicht das Kriegsrecht, nicht den Hunger, auch nicht Sibirien. Ich fürchte nur, daß wir wieder unter eine Informationsblockade kommen. Wenn die westlichen Journalisten weg sind! Und wenn die Moskauer Sender plötzlich unsere Sendungen ausblenden und Volksmusik ertönt. Ich fürchte nur die neue Stille. Aber so taubstumm wie vor unserer Unabhängigkeit wird es wohl nie wieder werden.“ Eine ältere Frau aus der polnischen Minderheit protestierte: „Die Litauer sollen Ruhe geben! Alles verdanken sie den Russen. Sehen Sie hier, wie viele Autos – alles von den Russen! Auch das Öl, das Licht. Die sollten dankbar sein. Aber nein! Die schauen nur auf uns herab. Die Russen sind Dummköpfe, die Polen sind Dummköpfe, alle sind Dummköpfe – außer sie“, fügte sie in fehlerhaftem Russisch hinzu. „Das ist nicht gerecht.“

Schon gut drei Stunden vor der Okkupation des ZK-Gebäudes hatten Elitesoldaten am frühen Dienstag die geschlossene Abteilung der Psycho-Neurologischen Klinik in der Parkstraße 15 gestürmt. Dort hatten zuletzt 36 der über 1000 litauischen Wehrdienstflüchtigen unter der Flagge des Roten Kreuzes, die aus dem zweiten Stockwerk wehte, Schutz gesucht. Seit der Oberste Sowjet am 11. März Litauens Unabhängigkeit proklamiert und das Sowjetrecht außer Kraft gesetzt hatte, war der Strom der auf diese Weise ermunterten Deserteure immer größer geworden. Die Auflösung der Armee in der nationalen Republik gehört zu den Faktoren, die Gorbatschow in Zugzwang gegenüber den Militärs brachte.