Es ist soweit: Frühlingserwachen. Baum und Strauch, Tulpen und Primeln, Himmel und Erde präsentieren sich in den aktuellen Modefarben und sehen beneidenswert frisch, jung und strahlend aus.

Im Gegensatz zu uns armen Frauen. Für uns bricht jetzt die schrecklichste Zeit des Jahres an, weil wir nicht mehr glauben können, daß der Mai alles neu macht. Uns jedenfalls läßt er ganz alt aussehen, ein Blick in den Spiegel beweist es. Im grellen Licht der unbarmherzigen Frühlingssonne zeigen sich tiefe Knitterfalten im wintergrauen Gesicht und Spliß in den Haarspitzen. Pfundschwere Speckrollen lagern dort, wo früher einmal die Taille war, und verdächtige Cellulitis-Dellen zieren die rund gewordenen Oberschenkel. Nein, derart mißgestaltet trauen wir uns nicht, dem strahlend jungen Lenz gegenüberzutreten. Kriechen wir lieber sofort zurück ins Bett und hoffen, daß uns bis November niemand mehr zu Gesicht bekommt.

Plötzlich jedoch, just während eine dunkle Depressionswolke vorüberzieht, zeigt sich ein zarter Silberstreif der Hoffnung am Horizont: merkwürdigerweise in Form eines Reiseprospektes. Wir lesen und begreifen urplötzlich, daß wir in unserem Unglück nicht allein sind, daß es ausgerechnet Menschen aus der Tourismusbranche sind, die uns verstehen und helfen wollen. Sie sorgen sich, es ist unglaublich, um unser Gewicht sogar mehr als wir selbst, nichts scheint ihnen erstrebenswerter zu sein, als unser zerstörtes Selbstvertrauen wieder aufzubauen. Fast hat man das Gefühl, unser desolater Zustand käme ihnen gerade recht, damit sie uns endlich wieder „schlank und schick“, „aktiv und anziehend“ machen können, auch „fit und schön“ oder gar „jung und attraktiv“.

Unsere Niedergeschlagenheit schmilzt wie Schnee in der Frühlingssonne. Um ein Haar hätten wir uns einer Therapiegruppe angeschlossen oder – noch schlimmer – unsere Misere der besten Freundin verraten. Und nun müssen wir nichts weiter tun, als im Dienste der Schönheit ein paar Urlaubstage zu opfern.

In diesem speziellen Fall kommt Hilfe vom Touristik-Verband Waldbreitbach im Naturpark Rhein-Westerwald, der uns mit dem Arrangement „Rund um die Frau“ lockt und unser angeknackstes Ego mit kosmetischen Behandlungen und Sauna, mit Diät und Wandern aufpäppeln möchte. Herzlich dankbar sind wir auch der Kurverwaltung von Bad Neustadt, die ein „Lady-Vital-Programm“ anpreist, mit dem wir „schön fit werden“.

Oder Bad Salzschlirf, wo man unseren „Fettpölsterchen“ zu Leibe rücken und den „harten Kampf mit dem Speck“ aufnehmen will. Nicht zu vergessen Bad Essen, ein Ort im Teutoburger Wald, in dem sich „die Damenwelt“ ... „drei Tage für die Schönheit gönnen“ kann. Entschlossen kriechen wir aus unserem Versteck hervor und eilen zum Telephon.

Erstaunlicherweise schaltet sich, noch während wir die Nummer wählen, unser Gehirn ein: Warum, so grübeln wir, gibt es derartige Programme eigentlich nur für Frauen? Was tun all die armen, vernachlässigten Männer mit ihrem Übergewicht, ihren Falten, den verkümmerten Muskeln, der schlechten Haut? Einige von denen, die uns täglich über den Weg laufen, haben eine Renovierung gar dringender nötig als wir. Nein, wir bleiben zu Hause. Wir sind solidarisch und boykottieren Schönheitsfarmen so lange, bis auch Männer hineindürfen. Brigitte Wolter