Sonntag, 25. März, abends. Gerhard Stadelmaier, Theaterkritiker der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, soeben von den Folgen des Heiner-Müller-Marathons am Abend zuvor genesen, betritt frohgemut die Kassenhalle der Freien Volksbühne in Berlin-West. An der Abendkasse bittet er um die für ihn reservierte Pressekarte zu einer Doppel-Inszenierung von Hans Neuenfels: „Die Frösche“ von Aristophanes und „Ichundich“ von Else Lasker-Schüler.

Statt seiner Karte übergibt man Stadelmaier einen Brief, den Hans Neuenfels bezeichnenderweise an Stadelmaiers Feuilletonchef Wilfried Wiegand gerichtet hat. Neuenfels beklagt sich darin bitterlich über eine polemische Glosse Stadelmaiers, den er (o Kunst der Polemik!) in seiner Epistel hartnäckig „Stadelmayer“ schreibt: „Nach dieser denunziatorischen Berichterstattung erscheint es mir sinnlos, Herrn Stadelmayer in unserer Premiere zu sehen. Damit meine ich: Es ist doch eine Platzvergeudung, eine bereits vorgefertigte Kritik abzudrucken, zudem wir mit 240 Plätzen restlos ausgebucht sind. Es wäre doch vernünftiger, Sie würden, statt der Kritik von Herrn Stadelmayer, einem jungen Lyriker die Gelegenheit geben, zwei oder drei Gedichte in Ihrer Zeitung zu publizieren ... Es gibt also keine Karte für Herrn Stadelmayer am 25. März 1990, denn diese Premiere, auf die wir uns freuen, sollte nicht durch eine vorbestimmte Haltung einer Person behelligt werden.“

Der ausgesperrte Kritiker erzählt im Foyer einigen Kollegen von dem Vorfall. Altmeister Friedrich Luft (klugerweise wie immer mit zwei Pressekarten ausgestattet) bietet Stadelmaier den Leerstuhl neben sich an – der Kritiker ist dem Berufsverbot entronnen.

Moral: Hans Neuenfels faselt in seinem Brief aufgeregt von irgendeiner „Ehre, die vielleicht in dieser Gesellschaft sehr, sehr vielen lächerlich erscheint“, und verliert die eigene Ehre im selben Moment. Er gibt zu erkennen, was er sich unter Rezensenten vorstellt: eine Schar mehr oder weniger ergriffener Höflinge (einige Hofnarren eingeschlossen).

Daß Kritikerurteile schon vor der Aufführung fertig sind, ist eine zähe Legende. Denn kein Feind, aus dem nicht ein Liebhaber werden könnte. Kein Schwärmer und keine Schwärmerin, die nicht zu Verrätern werden könnten.

Neuenfels’ Attentat stellt die Gesetze der Branche auf den Kopf: Denn nicht das Theater kann bestimmen, wer eine Theaterkritik schreibt, sondern allein die Zeitung.

Vorschlag: Da die ZEIT-Rezensenten, im Laufe der Jahre bitter geworden, ohnehin wenig Drang mehr verspüren, Inszenierungen von Hans Neuenfels zu besichtigen und zu rezensieren, laden wir Hans Neuenfels ein, alle Hans-Neuenfels-Inszenierungen hinfort für die ZEIT exklusiv selber zu rezensieren. Die Redaktion muß sich dabei allerdings Kürzungen, Änderungen, Nicht-Erscheinen im Rahmen des redaktionell Üblichen vorbehalten. Honoriert werden die Beiträge von Hans Neuenfels mit dem im Hause geltenden Mindestzeilenhonorar. B. H.