Von Peter Marx

Über ein Jahr lang kämpften sich Fahnder des Bundeskriminalamtes, Wirtschaftsgutachter und Ingenieure gemeinsam mit der Staatsanwaltschaft Mannheim durch Berge von Firmenkorrespondenz, Bankbelegen und Blaupausen. Dann hatten sie das Puzzle zusammen, und in der vorigen Woche schließlich erhoben die Staatsanwälte Anklage gegen den ehemaligen Geschäftsführer der Firma Imhausen-Chemie GmbH im südbadischen Lahr, Jürgen Hippenstiel-Imhausen. Der Mannheimer Oberstaatsanwalt Peter Wechsung hält Hippenstiel, der auch heute noch Mehrheitsgesellschafter an der Chemiefirma ist, für „hinreichend verdächtig“, an der Planung und am Bau einer Fabrik für chemische Kampfstoffe in Rabta (Libyen) entscheidend mitgewirkt zu haben (Aktenzeichen 600 IS 23/89). In dem Industriekomplex, den in diesem Monat ein Brand schwer beschädigt hat (über das Ausmaß des Schadens herrscht im Westen immer noch Unklarheit), werden nach Darstellung westdeutscher und amerikanischer Geheimdienste Chemiewaffen produziert.

Hippenstiel-Imhausen, der seit Mai vergangenen Jahres in Untersuchungshaft sitzt, hat nach Ansicht von Peter Wechsung Fertigungsunterlagen und Erzeugnisse der Meß- und Regeltechnik sowie Entsorgungseinrichtungen ohne die erforderlichen Ausfuhrgenehmigungen nach Libyen ausgeführt. Die Anklage stützt sich vor allem auf Gutachten eines Sachverständigen, der die Konstruktionspläne und technischen Beschreibungen auf ihre Kampfgas-Tauglichkeit überprüfte. Das Ergebnis: Die Anlage in der Libyschen Wüste mit der Bezeichnung Pharma 150 ist nicht nur zur Herstellung hochgiftiger Stoffe geeignet, sondern auch besonders für die Produktion von Senfgas (Lost) und Nervengas (Sarin und Soman) ausgelegt und „allein hierzu bestimmt“. Gegen den Unternehmer, der auch Geschäftsführer der Gesellschaft für Automation mbH in Bochum war, wird außerdem wegen Steuerhinterziehung ermittelt. Die Untersuchungen sind noch nicht abgeschlossen, werden aber, so Wechsung, „mit Vorrang betrieben“.

In der kleinen Stadt am Fuße des Schwarzwaldes hat die neue Runde im Imhausen-Skandal nur noch wenig Aufmerksamkeit erregt, obwohl die kleine Chemiefabrik am Rande der Stadt und ihr Geschäftsführer vor einem Jahr die Schlagzeilen der Weltpresse beherrscht hatten. Danach hatten Journalisten aus dem In- und Ausland fast jeden Stammtisch nach Informationen und Informanten abgeklappert.

Spätestens jedoch, als die Reporter die Stadt verließen, faltete auch die Mahnwache von Umweltschützern und Kriegsdienstgegnern vor dem Imhausen-Verwaltungsgebäude ihr Spruchband zusammen, auf dem noch die ironische Frage stand: „Wann kommt der amerikanische Vergeltungsangriff auf Lahr?“ Und auch bei der Fraktion der Grünen im Lahrer Gemeinderat ist Imhausen scheinbar vergessen. Dabei hatten sich die Umweltschützer sogar in einem Brief an das Freiburger Regierungspräsidium vehement Sorgen gemacht, „welche wirtschaftlichen Folgen die Imhausen-Affäre für andere Lahrer Betriebe hätte“.

Der Imhausen-Skandal hatte keine: Weder für die örtliche Wirtschaft noch für die 20 000 Lahrer, deren Mehrheit sich im Vergessen und Verdrängen geradezu meisterlich zeigte, wie der SPD-Landtagsabgeordnete Walter Caroli resignierend feststellt: „Für eine offensive Auseinandersetzung mit diesem Thema fehlte uns halt die moralische Größe.“

Alltag auch in der Fabrik, um die es geht und die äußerlich so wenig Sensationelles hergibt. In dem weitläufigen Werksgelände im Industrieviertel, eingekeilt zwischen Autowerkstätten und einer Eisenfabrik, wird gearbeitet, als würde Hippenstiel-Imhausen noch immer auf seinem türkisfarbenen Ledersessel residieren. Von dort regiert jedoch seit einem Jahr Uwe Kuntze, nach der Festnahme seines Vorgängers per Blitztransfer von einer Pharmafirma in Leverkusen nach Lahr geholt. Kuntze ist es seither gelungen, die Firma aus allen Schräglagen zu befreien und ihr fast schon wieder ein sauberes Image zu verpassen.