Von Sybil Gräfin Schönfeldt

Eigentlich wollte ich nur in den Prado, aber wenn es dort gerade eine Sonderausstellung gibt – warum nicht auch Velázquez? Mein spanischer Verlegerfreund hatte zwar geschrieben: „Wenn Sie planen, die Monster-Exhibition zu besuchen, rate ich Ihnen, all Ihre. Geduldsreserven zu sammeln, weil Sie sicher stundenlang Schlange stehen müssen“, aber ich glaubte, so schlimm könne es gar nicht werden.

Ich hatte mit Bedacht ein Hotel gewählt, das dem Prado fast gegenüber liegt, doch es war schon schwer, ihn überhaupt zu erreichen: Am Ampelübergang wurde das Pflaster der Fahrbahn aufgerissen, nur ein Nadelöhr blieb für Fußgänger. Wenn man es überwunden hatte, mußte man dankbar sein, wenn einen keins der Autos erwischte, die bei Rot über die Kreuzung fahren und, falls sie bremsen, mit der Nase mitten auf dem Zebrastreifen stoppen.

Drüben nun, jenseits der sechsspurigen Prachtstraße, wartete die nächste Baustelle: Der Nordeingang des Prados samt Kuppelsaal und einem halben Dutzend Räumen waren geschlossen, zugemauert, draußen mit Schutt und Müll umgeben. Dafür gab’s nicht nur eine, sondern drei Schlangen. Die längste vorm südlichen Sondereingang zu Velazquez. Sie führte in zwei Schleifen durch die Rasenbeete vor dem Museum, kringelte sich auf dem großen schönen Platz zwischen Prado und Botanischem Garten und endete im Schatten seiner ersten Bäume.

„Na gut“, dachte ich, „mittags ist sie wohl kürzer.“ Die zweite Schlange begann vor einem Stand neben dem Haupteingang, wo die Kataloge verkauft wurden, 3500 Peseten und so schwer, daß ihn die meisten Besucher mit beiden Armen, fest an die Brust gepreßt, trugen. Gerade kam ein Lieferwagen, aus dem mit Gabelstaplern die nächsten Paletten abgeladen wurden. Ehe ich mich entschieden hatte, welche Schlange ich wählen sollte, waren die Kataloge ausverkauft. Na gut, also zuerst in den Prado. Dessen Schlange war die zweitlängste, aber schätzungsweise nur fünfzehn bis zwanzig Minuten lang.

Endlich dann die Tür: drin! Ein Plan des Gebäudes? Nichts. Hinweise nur auf die Cafeteria. Die Toiletten zeigten sich von selber durch neue Schlangen auf den Treppen an. Irgendwohin also, aus dem Gedränge heraus, dem Dunst der Kinder, dem Gestank aus Tausenden von Turnschuhen. Ja, es gab Säle, in denen man atmen und Bilder betrachten konnte. Zahlreicher waren freilich jene, in die sich die erschöpften Veläzquez-Besucher nach ihrer Runde ergossen, die vom Eingang schubweise auf verschlungenen Wegen quer durchs Museum und, scharf bewacht, in die Säle gegängelt wurden, wo die meisten Veläzquez-Gemälde ohnehin hingen.

Überall kreuzten sich also die Wege von Velázquez- und Non-Velázquez-Besuchern und vereinigten sich auf jeden Fall in der Wandelhalle im ersten Stock und vorm Posterstand. „Haben Sie Kataloge in englischer oder deutscher Sprache?“ Nein. Beim Postkartenstand. Dort aber, in einem zwei Meter breiten Schlauch von einem Gang, zwischen abgestellten Schreibtischen und Schränken, ein Meer von Köpfen mit glatten schwarzen Haaren, japanische Mädchen. Wieder die Frage: „Haben Sie Kataloge in...?“ Nein. Unten. „Na“, dachte ich, „beim Weggehen.“ Aber da war alles für diesen Tag ausverkauft.