Von Duygu B. Sezer

ANKARA. – Seit meiner Jugend habe ich immer wieder längere Zeit außerhalb der Türkei verbracht. Diese Jahre im Ausland haben mir das Beste vor Augen geführt, das sich ein junges Mädchen – und später eine berufstätige Frau – wünschen konnte.

Und dennoch, trotz aller Ermutigung und der Möglichkeiten, die mir in meinem persönlichen und beruflichen Leben im Westen geboten wurden, habe ich nie daran gedacht, nicht in die Türkei zurückzukehren. Vielmehr schien mir, ich durfte besonders dankbar dafür sein, niemals vor diese Wahl gestellt zu werden.

Was zog mich nach jedem Auslandsaufenthalt immer wieder in die Türkei zurück? Es waren vor allem zwei Dinge. Zum einen wollte ich meinen Wurzeln, meiner Familie nahe sein. Und zum anderen war ich vom Geist der Atatürk-Reformen geprägt: Daß die republikanische, weltliche und fortschrittliche Türkei, getragen von türkischem Nationalgefühl und nicht von der Welt des Islam, bald zu einer modernen, westlichen Gesellschaft werden würde. Ich bin aufgewachsen mit der Erfahrung, wie unsere politischen Führer und unsere Bürger gleichermaßen von der Aufgabe beflügelt waren, eine aufgeklärte, lichte, moderne Türkei zu schaffen. Wie hätte ich von diesem Weg abweichen können?

Aber jetzt sorge ich mich zum ersten Mal um die Zukunft meiner Kinder und um die Zukunft der Türkei.

Denn mein Land scheint im Begriff, sein modernes Gesicht langsam aber, sicher zu verlieren und statt dessen ein islamisches Gewand anzulegen. Die Kräfte, die für das islamische Rechtssystem eintreten, drängen im öffentlichen Leben der Türkei immer weiter nach vorn. Und weil die Wählerwirksamkeit religiöser Appelle allen offenbar ist, zieht inzwischen auch die modernistische Opposition Vieldeutigkeit in diesen Fragen klaren Positionen vor.

Als wichtigste Einzugsschneise für die Rekrutierung und Ausbildung der „Gläubigen“ und ihren Aufstieg zur Macht hat sich das staatliche Erziehungssystem erwiesen. Die 1982 noch unter dem Militärregime entworfene Verfassung machte den Religionsunterricht, der vorher freiwillig war, in den Grund- und Oberschulen zum Pflichtfach. Praktisch bedeutet dies islamischen Unterricht. Die Zahl der staatlichen Ausbildungsstätten für Imame, die mohammedanischen Priester, stieg von einigen Dutzend im Jahre 1970 auf fast 400 im Jahre 1988 an, die Zahl der Schüler auf etwa eine halbe Milion. Das ist weit mehr, als überhaupt freie Imam-Stellen vorhanden sind. Aber den Absolventen geht es ohnehin um etwas anderes: Eine kürzlich ergangene Entscheidung hat ihnen den Zugang zu staatlichen Universitäten eröffnet. Offenbar immatrikulieren die meisten sich im Studienfach Öffentliche Verwaltung, um so in vier bis fünf Jahren in die Staatsverwaltung einzutreten.