Von Doris Maurer

Im April 1761 beklagt sich eine Frau bitterlich bei ihrem Freund über die Last des Ruhms: "Es fehlt mir nicht an Gesellschaften, man sucht mich nur zu oft, aber diese Zerstreuungen sind vor mich weder nützlich noch angenehm. Man will seine Neubegierde befriedigen, man gafft mich an und klatscht mit den Händen und ruft ein Bravo, als wenn all meine Rede kleine Zaubersprüche wären. Ich lache zuweilen mit, und mein Herz weiß nichts von dem Vergnügen, welches dann in meinem lachenden Munde die Gesellschaft täuscht."

Seit drei Monaten erst ist die Briefschreiberin, die 38jährige Dichterin Anna Louisa Karsch, die Sensation von Berlin, und schon hat sie die Einsamkeit des Stars erfahren. Sie wird dem Rummel um ihre Person in den nächsten Jahrzehnten nicht mehr entrinnen. Und dabei kann sie es sich auch gar nicht leisten, sich dem Publikum zu verweigern, denn alle, die sie da sehen und anstaunen wollen, sind zahlende Zuschauer. Die berühmte Frau hat nichts gelernt – sie braucht die Gaffer, um leben zu können. Anna Louisa Karsch, die Karschin, wie sie genannt wird, macht Verse auf Bestellung, sie improvisiert Gedichte zu jedem beliebigen Thema, ja selbst zu ihr zugerufenen, willkürlich zusammengestellten Endreimen. Wer es sich leisten kann, präsentiert sie als Höhepunkt seines Festes: die "dichtende Wunderfrau".

Eine Schönheit ist sie nicht. Aber auf ihr Herz, ihr Gefühl kann sie sich verlassen. Mit Empfindsamkeit ist sie begabt, daraus erwächst ihr ursprüngliches Talent, das in einer Zeit der genau abgezirkelten Regelpoetik, der einengenden Vorschriften, denen "gute Literatur" zu genügen hat, nur erstaunen kann.

Johann Georg Sulzer, einer der Literaturpäpste der damaligen Zeit und gemäßigter Vertreter einer "geordneten Poesie", konstatiert bewundernd: "Ohne Vorsatz, ohne Kunst und Unterricht sehen wir sie unter den besten Dichtern ihren Platz behaupten. (...) Wie unzweifelhaft es sei, daß unsere Dichterin ihren Beruf allein von der Natur bekommen, erhellt am deutlichsten aus allen Umständen ihres Lebens. Denn darin finden wir nichts, das vermögend gewesen wäre, anstatt des natürlichen Hangs einen künstlichen Trieb zur Dichtkunst in ihr zu erregen, keinen einzigen Umstand, woraus wir begreifen könnten, daß gelernte Regeln bei ihr die Stelle des Genies vertreten."

"Die Umstände des Lebens" haben die Karschin wahrhaftig nicht dazu prädestiniert, so den Ehren des Parnaß’ teilhaftig zu werden. Zunächst sieht alles nach einem typischen unauffälligen, das heißt geduckten, elenden Frauenschicksal des 18. Jahrhunderts aus.

Am 1. Dezember 1722 wird Anna Louisa als Tochter des Pächters und Schankwirts Dürbach in der Nähe von Schwiebus (dem heutigen Świebodzin) im nördlichen Schlesien geboren. Von der Mutter ungeliebt, den Vater früh verlierend, sind die ersten Jahre hart. Doch als sie sechs Jahre alt ist, nimmt ein verwitweter Großonkel sie bei sich auf und unterrichtet sie im Lesen und Schreiben, obwohl sie nur ein Mädchen ist und die Familie lauthals protestiert. Anna Louisa zeigt großen Eifer und lernt schnell. Die Bibel wird ihr Lehrbuch: "... in weniger als einem Monat las ich ihm mit aller möglichen Fertigkeit die Sprüche Salomonis vor. Ich fing an zu denken, was ich las, und von unbeschreiblicher Begierde angeflammt, lag ich unaufhörlich über dem Buche..."