Wolfgang Ebert

Es ist eine Sache, eine Wahl zu gewinnen, und eine andere, vollmundige Wahlversprechen einzulösen; davon können alle Parteien ein Liedlein singen. Zur Zeit singt es, ziemlich verstimmt nach ihrem DDR-Wahlsieg, die CDU. Im Eifer des Gefechts hat sie nämlich ein Problem übersehen. Während wir hartgesottenen BRD-Bürger wissen, was von Wahlversprechen zu halten ist, präzis: null Komma nix, droht der CDU, von den treuherzigen DDR-Neuwählern beim Wort genommen zu werden. Und das nicht nur von ihren Wählern.

Inzwischen sind so viele DDR-Wähler davon überzeugt, die CDU gewählt zu haben – wer kann ihnen schon das Gegenteil beweisen? daß die CDU mit 99,34 Prozent nachträglich einen triumphalen „Honecker-Wahlsieg“ verzeichnen kann. Und diese CDU-Wähler wollen nun alle etwas vom versprochenen Segen abbekommen!

Dieser Wunsch hat bei der Bonner CDU-Sonderabteilung: Wahlkampfversprechen eine Mini-Panik ausgelöst. Fieberhaft wird das gesamte Wahl-Material daraufhin durchleuchtet, ob es einklagbare Versprechen enthält.

Zuerst natürlich der Wahlmatador Kohl. Doch wurde man bei ihm kaum fündig. Auch bei seinen DDR-Wahlkampfauftritten hat er es verstanden, auf seine nebulöse, schwammige Art viel zu sagen, ohne je konkret zu werden, ließ sich also auch nicht dazu hinreißen, das Blaue vom Himmel oder Goldene Berge zu versprechen. Allerdings ist ihm einmal doch der Gaul durchgegangen, als er nämlich verwegen prophezeite, die DDR werde „in etwa fünf Jahren ein blühendes Land sein“.

Das war die Geburtsstunde der Aktion „Blühendes Land“, von der neuerdings viel zu hören ist, wuchs sie sich doch inzwischen zu einer Volksbewegung unzufriedener DDR-Bürger aus.

Um Kohl den Vorwurf zu ersparen, er habe blühenden Unsinn verzapft, fordert diese Aktion von der Siegerpartei einen kleinen, aber nennenswerten Vorschuß auf das bevorstehende, erträumte Wirtschaftswunderland. Und weil der CDU dämmert, was ihr von enttäuschten Wählern blühen kann, sucht sie emsig nach einem Ausweg aus der Sackgasse. Rühe grübelte – und fand den Ausweg: Um ihre DDR-Freunde nicht auf dem Trockenen sitzenzulassen und ihnen einen kleinen Vorgeschmack auf das berauschende Glück zu gönnen, wird der designierte DDR-Wirtschaftsminister Pieroth jedem Wähler eine Flasche süffigen Wein von seinem vielgenannten Weingut spendieren. Damit ließ sich auch der Waigel-Vorschlag abschmettern, zwecks „Kohl-Blühens“ und allgemeiner Klimaverbesserung sollten die DSU-Mitglieder allen Wählern ein stilisiertes Edelweiß überreichen.