Über Pantheon und Colosseum jagen Wolken im Zeitraffertempo. Kein Auto, kein Tourist weit und breit, nur leere Plätze, Stille, Magie des Lichts. Ah, Rom! Metaphysisch wie von De Chirico. Die phantastischen Bilder des Fernsehspots indes drehte Michelangelo Antonioni – als Visitenkarte der Hauptstadt zum Mega-Ereignis Fußballweltmeisterschaft. Rom, Stadt Buonarrotis, Berninis, Borrominis? Glücklich, wer da noch den Reiseführern glaubt.

Ewiges Rom, geträumt und geschunden. „Die Fußballer geben uns den Gnadenstoß“, seufzt Elvira. Die römische Journalistin schlägt täglich neue Haken durch die mit Baggerlöchern wie ein Emmenthaler durchsiebte Stadt, um in ihr Büro nahe der Piazza del Popolo zu gelangen. „Bisher waren Bus und Metro bloß ein schlechter Service, jetzt bricht man sich den Hals, um ans Ziel zu kommen. Wonach wühlen sie bloß?“

Roma, che bella! Hundert Tage vor dem Anpfiff zum „Mondiale“ liegen Goldgräber- und Katastrophenstimmung oft nur eine Schippe weit entfernt. Während Hotels und Geschäfte für das Ballspektakel mobil machen, frischt die ramponierte Schönheit eilends ihren Look auf. Doch die Kosmetik gleicht über weite Strecken einem Kriegsszenario: Kilometerweise aufgerissene Kabelgräben, Baustellen, die niemand mehr zählt – fünfhundert, heißt es beim Tiefbauamt, werden es wohl sein. Am wütendsten graben die stählernen Maulwürfe für die Verlängerung der U-Bahnlinie A, neue Park-and-ride-Plätze bei Cinecittà und am Bahnhof Tiburtina sowie die Verbreiterung der Via Olimpica. Und auch auf der Flaminia wird gebuddelt, der Verbindung zum Centro Internazionale Televisivo, dem eigens für die WM aus dem Boden gestampften Übertragungszentrum der Rai.

Seit Monaten melden die Lokalseiten von La Repubblica und II Messaggero den Beinahe-Kollaps des Straßenverkehrs: Staus ohne Ende, Unfälle, Abgaspest. Fast nichts geht mehr bei den gelben Bussen des öffentlichen Nahverkehrs – im Schneckentempo quält man sich vorwärts. Immer wieder bleiben im Blechchaos auch die Taxis oder, schlimmer, Ambulanzen stecken. Bei Hunderttausenden von Pendlern schnappt täglich die Falle Rom zu. Alltag vor der Weltmeisterschaft. Rom, kaputte Stadt.

Doch es gibt auch Erfolgsmeldungen. Die neue Schnellbahn zwischen der Stadt und dem abseits gelegenen Flughafen Fiumicino ermöglicht künftig das Umsteigen vom Flugzeug in die Metro, Taxifahrer, die gern tief in die Touristen-Portemonnaies langten, suchen neue Standorte. Voraussetzung für die Siegesfahrt des Airport-Zugs ist allerdings, daß die Renovierung der klapprigen Metrolinie B zum Anschlußbahnhof Ostiense rechtzeitig beendet wird. Die ebenfalls angekündigte Tramverbindung zum Piazzale Flaminio, die das historische Zentrum von der Autoplage entlasten sollte, blieb bloße Planung. Wie auch die neuen Landebahnen für den alten Airport Ciampino, dem ein Teil des Charterverkehrs zur Weltmeisterschaft zugedacht war.

Stockende Arbeiten, explodierende Kosten, wachsender Unmut: Das einzige Bauwerk, das 1990 schlüsselfertig werde, sei eine arabische Moschee, prophezeite der Architekt Paolo Portoghesi schon im letzten Frühjahr. Ein Witz? Baustellen-Anlieger in Rom lachen schon lange nicht mehr – schon gar nicht über den Talkshow-Auftritt des Ministers für Tourismus und Schauspielwesen, Carlo Tognoli, in der Sendung Biberon Anfang März. Es könne schon sein, so Seine Exzellenz, daß zur Weltmeisterschaft vieles unvollendet bleibt. „Doch die Vorteile von morgen lohnen die Belästigungen von heute.“

Die pharaonisch angelegten, dann aber aus Zeit- und Geldmangel wieder zusammengestrichenen Projekte der „Italia ’90“ werden kein einziges der Verkehrs- und Strukturprobleme Roms lösen. Denn die gehen auf ein antikes Stadtplanungskonzept zurück: Strahlenförmig auseinanderlaufende Konsularstraßen und bis heute nur ein einziger Stadtring, der Grande Raccordo Anulare weit draußen vor den Toren. Dazu kommt ein anderes historisches Versäumnis. Als andere euopäische Großstädte komplexe U-Bahnnetze aushoben (beispielsweise London: 400 Kilometer), stocherte man in Rom gerade 24 Kilometer Metropolitana in den archäologisch kostbaren Untergrund – lächerlich wenig für eine Viermillionenstadt.