Künstler und Machthaber haben unterschiedliche Tempi. In Bielefeld sieht man das dank der zielstrebigen Aktivität der Galeristin Izabella Salustowicz. Sie zeigt eine Ausstellung baltischer Künstler, von Bürgern zuweilen aufmüpfiger Republiken. Man könnte sagen, die lettische Kunst neige mehr zu Rationalismus und Konstruktivismus, die litauische mehr zu einem emotionalen Stil, zu Romantik und Expressionismus. Aber Ausnahmen gibt es die Fülle. Lettland hat nicht nur eine akademisch gepflegte Süßlichkeit des Jahrhundertanfangs (etwa eines Janis Rozentals) längst überwunden, sondern auch den sozialistischen Realismus klammheimlich in seine Schranken verwiesen. In der jetzigen Schau „Kunst des Umbruchs – Umbruch in der Kunst“ sieht man vornehmlich Arbeiten von Künstlern, die während oder nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurden. Dennoch ragt der auch bei uns bekannte Rudolfs Pinnis (Jahrgang 1902) hervor, der in Paris studiert hat, in der Hamburger Kunsthalle und im Kölner Museum Ludwig vertreten ist. Eruptiv wirken seine mit kubistischen Formen verwandten Bilder (Tatlin-Rodtschenko-Nachfolge) auch dann, wenn Themen wie „Der Wald“ gewählt werden. Die Litauerin Dalia Kasciunaite (in der Tretjakow-Galerie vertreten) löst Mittel des kinetischen Realismus auf bis zur totalen Abstraktion. In Pastellen ein paar Schwelgereien in Farben, Wols verwandt. Eine überragende Erscheinung ist der in Europa weit herumgekommene, mit manchen Ehren ausgestattete Litauer Augustinas Saviskas, der ein Freund Sartres war, der unter anderem eine „Passion Christi“ zeigt. Die Verbindung der Maler zum Westen, einschließlich der USA, ist lebendig. Ein künftiges Europa? Die Künstler haben es bereits geschaffen, die Machthaber der Welt, die Politiker, dürfen nachhinken. (Galerie Salustowicz bis zum 1. April)

René Drommert