Von Kai Nieper

Der Parteizellensekretär Zheng Zhaoying aus Harbin „fiel plötzlich vornüber auf den Schreibtisch und war tot. Die Untersuchung ergab, daß er an einer Reihe von Krankheiten und völliger Erschöpfung gelitten hatte.“ Zheng, 56 Jahre alt und seit 41 Jahren Bahnarbeiter, lebte mit seiner Familie in einem armseligen Raum von zehn Quadratmetern. Seine Hinterlassenschaft: „kein Geld, kein Farbfernseher, kein Kühlschrank, überhaupt keine elektrischen Geräte, nicht einmal ein paar Lederschuhe“. Dieser Bericht erschien, so seltsam es scheinen mag, auf der Titelseite der parteiamtlichen Pekinger Volkszeitung: Zheng Zhaoying ist ein Held, fast ein Heiliger und Vorbild für die neunziger Jahre. Sein Credo war der „Lei-Feng-Geist“.

Es gibt kaum einen Chinesen, dem der Name Lei Feng nicht vertraut wäre. Er war ein junger Soldat, 1960 in die Volksbefreiungsarmee eingetreten und wurde schon zu Lebzeiten mehrfach als Modellarbeiter ausgezeichnet. Mit 21 Jahren wurde er zum Abgeordneten im Volkskongreß gewählt. Ein Jahr später fiel er einem Unfall zum Opfer.

Das „Modell Lei Feng“ avancierte daraufhin zu einer der atemberaubendsten Kunstfiguren der chinesischen Massenpropaganda. Ein Tagebuch des Verstorbenen wurde „entdeckt“, es zeugte von Uneigennützigkeit, unermüdlichen Marxismus-Studien und grenzenlosem Vertrauen in die Partei. Am 5. März 1963 kalligraphierte Mao Tse-tung die Zeile „Lernen vom Genossen Lei Feng“ und gab damit den Startschuß für eine vor-kulturrevolutionäre Massenkampagne, die den „neuen Menschen“ hervorbringen sollte. Sein Symbol war der Nagel, ein unscheinbares, doch wichtiges Werkzeug; als seine vier Eigenschaften stellte die Propaganda Ideale, Moral, Kultur und Disziplin heraus.

Nun, zu Beginn der neunziger Jahre, ist der „neue Mensch“ wieder gefragt. Die Partei befindet sich nach dem Tiananmen-Massaker und bei sich zuspitzender wirtschaftlicher Lage in heftiger Legitimierungsnot und greift deshalb, wie es scheint, zu bewährten propagandistischen Mitteln, um damit mobil zu machen. Hunderttausende waren zum Jahrestag des 5. März in Peking und anderen Großstädten auf die Straßen gegangen, um mit Müllbeseitigung, Fahrradreparaturen und anderen unentgeltlichen Dienstleistungen „dem Volke zu dienen“. Der Generalstab der Armee und die kleinsten administrativen Einheiten veranstalten Symposien zum „Lei-Feng-Geist“. Generalstabschef Chi Haotian konnte das Bestehen von 3000 Lei-Feng-Studiengruppen melden und versicherte, im Geiste Lei Fengs würden „die Gewehre ewig dem Kommando der Partei folgen“ – angesichts der in China vielbeachteten rumänischen Ereignisse offenbar eine notwendige Feststellung. Die Staats- und Parteiführung schließlich widmete, in einer großen Geste der Nachahmung, dem Volkshelden ein halbes Dutzend eigenhändiger Kalligraphien.

Schon lange vorher waren die Medien auf den Plan getreten. Mitte Dezember erschien eine neue Sammlung von „Lei-Feng-Geschichten“ mit einem Vorwort des Staatspräsidenten Yang Shangkun, eines Hauptverantwortlichen für das Juni-Massaker. Seit Ende Februar vergeht kaum ein Tag, an dem die Volkszeitung nicht einen „lebenden Lei Feng“ dieser Tage vorstellt.

So kam der unermüdliche Zheng Zhaoying auf die Titelseite, der im Laufe seines Lebens kostenlos 3000 Fahrräder repariert hatte. Oder Shi Laihe, Parteihauptzellensekretär aus Henan, der den Probebetrieb in einer neuen Papierfabrik überwachte und in dieser Phase nicht ein einziges Mal seine sterbende Mutter zu Hause besuchte. Oder der Marineoffizier Liu Dequan, der auf Eisen-, bahnfahrten sämtlichen Mitreisenden die Haare zu schneiden pflegt.