Die europäischen Partner fürchten den deutschen Wirtschaftsriesen

Von Christian Tenbrock

Drei Gespenster gehen um in Europa: das Gespenst vom wirtschaftlichen Großdeutschland, welches die Stabilität der D-Mark auf dem Altar der Wiedervereinigung opfert, damit europaweit die Zinsen nach oben treibt und die Partner in die Rezession drängt; das Gespenst vom einig Vaterland, dessen Unternehmen den Osten des Kontinents überrollen; schließlich das Gespenst vom ökonomischen Riesen, der die wirtschaftlichen Zwerge zwischen Dublin und Lissabon weiter an den Rand zwängt, mit seiner Wirtschaftsmacht die politische Balance innerhalb der Europäischen Gemeinschaft stört und den europäischen Einigungsprozeß behindert.

„Müssen sich die Franzosen vor Deutschland fürchten?“ fragte Mitte März das Pariser Nachrichtenmagazin L’Express seine Leser. Die gaben eine klare Antwort: 58 Prozent der vom Express um ihre Meinung gebetenen Bürger bekundeten ihre Angst vor deutscher Wirtschaftsdominanz in Europa.

Die Nachbarn haben durchaus Grund zur Sorge: Schon jetzt erwirtschaftet die Bundesrepublik allein über ein Viertel des EG-Bruttosozialprodukts und besitzt etwa ein Drittel aller EG-Währungsreserven. Bis auf wenige Ausnahmen ist Deutschland (West) wichtigster Warenlieferant der Staaten Europas. Und rund 25 Prozent der Exporte aus dem EG-Raum sind made in Germany.

Kommt die DDR hinzu, wird Gesamtdeutschland voraussichtlich rund ein Drittel des Sozialprodukts sowie der Ausfuhren der Europäischen Gemeinschaft für sich buchen. Mit der geballten Macht von 78 Millionen Deutschen würde auch der Vorsprung vor dem stärksten Nachbarn weiter wachsen: Heute erwirtschaftet Frankreich achtzig Prozent des bundesdeutschen Bruttosozialprodukts. Am Ende des Jahrhunderts aber, fürchtet das angesehene französische Wirtschaftsblatt L’Expansion, wird die ökonomische Kraft Gesamtdeutschlands die Potenz Frankreichs um die Hälfte übersteigen. „Schon jetzt dominiert die Bundesrepublik“, warnt der Chef der französischen Kommunisten, Georges Marchais: „Wie wird es morgen um uns bestellt sein?“

Die Eingliederung der DDR wird der ohnehin auf Hochtouren laufenden „teutonischen“ Wirtschaftsmaschinerie auf den neuen Märkten Osteuropas Startvorteile verschaffen, meinen die meisten Politiker und Unternehmer in Resteuropa. Zwar lud Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher während eines Besuchs in Kopenhagen „andere Länder“ ein, sich in der DDR „zu engagieren“, und der französische Industrieminister Roger Fauroux forderte die Wirtschaftsführer seines Landes zu Investitionen im Osten Deutschlands auf. Aber nur wenige Unternehmen jenseits des Rheins sind dem Drängen ihres Ministers bislang gefolgt.