In den dreißiger und vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts lebte in Ry, einem Dorf ganz in der Nähe Rouens, das Arztehepaar Eugene und Delphine Delamare. Der Gesundheitsbeamte Eugène Delamare, der in Rouen Medizin studiert hatte und dann in Ry eine Praxis eröffnete, war erst mit einer Frau namens Louise Mutel studiert licht, die ihn bald zum Witwer machte. Zwei Jahre später heiratete er Delphine Coutourier, die Tochter eines reichen Landwirts. Doch die Ehe verlief höchst unglücklich. Delphine Delamare betrog ihren Mann und schockierte die Bürger von Ry mit ihrer ausschweifenden und luxuriösen Lebensweise. Als sie, noch jung, 1848 starb, sagten die Leute überall, sie habe Selbstmord begangen; Eugène Delamare starb wenig später, 1849.

Gustave Flaubert hörte und las von diesem Provinzdrama und beschloß, es zur Grundlage seines ersten großen Romans, „Madame Bovary“, zu machen. Aus Ry wurde in seinem Buch das Dorf Yonville-l’Abbaye; aus Eugène und Delphine Delamare wurden Charles und Emma Bovary. Die Bürger von Ry haben es Flaubert gedankt, daß er ihr Dorf zum Hauptschauplatz eines der berühmtesten Werke der Weltliteratur auserkor: Vor dem Post- und Telegraphenamt in Ry errichteten sie ihm ein Denkmal.

Will man heute diesen literarischen Ort besuchen, um die Realität hinter Flauberts Fiktion aufzuspüren, muß man von Rouen aus mit dem Auto nach Osten fahren, in Richtung Beauvais. Nach zwölf Kilometern, kurz hinter Martainville-Epreville, zweigt eine holprige Landstraße ab, und von hier sind es noch acht Kilometer, bis die ersten Häuser von Ry, von „Yonville-l’Abbaye“, auftauchen.

„Yonville-l’Abbaye“, heißt es in Flauberts Roman, „ist ein Marktflecken, der acht Meilen vor Rouen liegt, zwischen der Straße nach Abbeville und der nach Beauvais, ganz hinten in einem Tal, das die Rieule durchschlängelt. Die Rieule ist ein Nebenflüßchen der Andelle... Bis zum Jahre 1835 gab es keine befahrbare Straße nach Yonville; erst zu dieser Zeit legte man einen ‚Hauptgemeindeweg‘ an, der die Straße nach Abbeville mit der nach Amiens verbindet. Trotz der neuen ‚Absatzmöglichkeiten‘ hat Yonville-l’Abbaye keinen Aufschwung genommen ..., und das verschlafene Nest zieht sich immer mehr aus der Ebene zurück, um gegen das Flüßchen zu drängen.“

Ich gehe die langgezogene Dorfstraße entlang, gespannt darauf, „Yonville-l’Abbaye“ aus „Madame Bovary“ wiederzufinden. In der Tat wirkt das hübsche Dorf verschlafen und still. Zu beiden Seiten der Straße stehen saubere gelbgetünchte Häuser, auf ihren Schieferdächern ragen Fernsehantennen in den blauen Himmel. Und dort, drüben auf der anderen Straßenseite, neben der Bürgermeisterei, erspähe ich das erste exponierte Romangebäude: den Gasthof zum „Goldenen Löwen“. Das schöne Fachwerkhaus mit den braungestrichenen Fensterrahmen nennt sich „Le Restaurant Bovary“. Ich gehe hinein, trinke einen Kaffee und denke an jenen Abend, an dem das Ehepaar Bovary in Yonville ankam und im „Goldenen Löwen“ abstieg.

Dann schlendere ich weiter die Straße entlang, bis ich auf einem vom Regen verwaschenen Schild das Wort „Pharmacie“ lese. Eine Apotheke – das kann nur die von Monsieur Homais sein, diesem Spießbürger, den Flaubert so gehaßt hat! Es gibt jedoch keinen Hinweis auf Homais. Ich halte Ausschau nach dem Geschäft des windigen Modewarenhändlers Lheureux, der Emma Bovary in den Ruin und in den Tod trieb, und nach dem prunkhaften Wohnhaus des Roman-Notars Guillaumin. Zufällig blicke ich an einer Hausfassade empor und sehe ein schwarzes Schild mit der Aufschrift „Officine de Monsieur Homais“.

Um Aufklarung bemüht, spreche ich einen Dorfbewohner an. Der nimmt mich freundlich am Arm und geht mit mir zurück zur Apotheke. ‚Madame Bovary – ici!“ Jetzt verstehe ich: In dem Gebäude, in dem sich die Dorfapotheke etabliert hat, wohnte einst Madame Delphine Delamare, das lebende Vorbild Madame Bovarys, zusammen mit ihrem Ehemann und ihrer kleinen Tochter. Und der Apotheker Homais hatte seinen Laden dort, wo jetzt die schwarze Tafel hängt. Was für eine Verwirrung!