Von Margrit Gerste

Doppelt so viele Flüchtlinge, halb soviel Geld; sparen, wo es nichts mehr zu sparen gibt; Schulden, die schwerste Finanzkrise und ein kleiner Skandal, daraufhin scharfe Kontrollen; totale Abhängigkeit von den Spenden der reichen Länder. Eine rigide Asylpolitik eben dieser Länder, aber Kritik darf nicht sein.

Ein Job zum Weglaufen. Einer der schwierigsten und meist exponierten dazu im riesigen System der Vereinten Nationen: der UN-Hochkommissar für Flüchtlinge (UNHCR) mit Sitz in Genf. Doch der 58jährige Norweger Thorvald Stoltenberg wollte ihn haben, er mag das Schwierige, die "Herausforderung". Die Chance, die in der Krise steckt, zieht ihn an. Bevor er sein neues Amt Mitte Januar antrat, war er Botschafter seines Landes bei den Vereinten Nationen. Gut möglich, daß der UN-Generalsekretär und die New Yorker Vollversammlung diesmal die richtige Wahl getroffen haben. Sein Vorgänger Jean-Pierre Hocke, ein umtriebiger Schweizer Manager, mußte gehen, als herauskam, daß er erster Klasse flog. Der gelernte Jurist Stoltenberg – er studierte in Österreich, der Schweiz, den USA und Finnland Völkerrecht – ackert seit über dreißig Jahren auf dem steinigen Feld der Politik. Zunächst als Diplomat in den verschiedensten Ecken der Welt – San Francisco, Belgrad, Lagos zum Beispiel –; dann die Toleranz und Zähigkeit fordernde Arbeit in internationalen Gremien – im internationalen Gewerkschaftsbund, der Sozialistischen Internationale, der UN-Nord-Süd-Kommission; Staatssekretär in verschiedenen Ministerien, danach Verteidigungsminister seines Landes, zwischendrin eine kommunalpolitische Übung als stellvertretender Bürgermeister Oslos, dann Außenminister und stellvertretender Ministerpräsident im sozialdemokratischen Frauenkabinett der Gro Harlem Brundtland.

Wie er das fand, in einer frauendominierten Regierung zu dienen? Toll, sagt er, ohne zu zögern, "eine schöne Atmosphäre und extrem gute Teamarbeit". Ob auch die Politik eine andere, gar bessere war? Er überlegt. "Die Frauen würden das wohl bejahen. Nein, auch wir Männer haben uns intensiv mit Kindergärten beschäftigt." Ein kleiner Exkurs ins Private ist fällig: Drei Kinder habe er. Mit seiner Frau, stets berufstätig, habe er sich die Arbeit fair geteilt. Die Behauptung klingt sehr glaubwürdig, als er am Ende des Gesprächs in seinem geräumigen, unprätentiösen Büro mit dem wunderbaren Blick auf den Genfer See doch tatsächlich selber die Kaffeetassen abräumt und die kleine Kerze löscht.

UNHCR ist unpolitisch und strikt humanitär, so schreibt es die Satzung vor. 1951 bloß für drei Jahre gegründet, um vor allem europäischen Flüchtlingen zu helfen, wurde das Mandat alle fünf Jahre erneuert. Zweimal bekam das Amt den Friedensnobelpreis, heute sind seine Aufgaben ins Gigantische gewachsen. Sollte die stetig steigende Flüchtlingskurve den politisch-moralischen Zustand der Welt anzeigen – gute Nacht.

Was soll UNHCR tun? Es soll das Leben, die Sicherheit, die Freiheit von Menschen schützen, die "aus wohlbegründeter Furcht" vor Verfolgung wegen ihrer Rasse, Religion, Herkunft oder politischen Gesinnung zu Flüchtlingen geworden sind – so lautet die Definition nach der Genfer Konvention von 1951. UNHCR soll für ihre Versorgung, Erziehung, Arbeit und Bewegungsfreiheit sorgen und dauerhafte Lösungen für sie anstreben wie freiwillige Repatriierung, Integration im Asylland, Umsiedlung in ein drittes Land. Bis eine dieser Möglichkeiten realisiert werden kann, soll UNHCR erste Hilfe leisten, aber auch langfristigen Beistand (in der Praxis oft über zehn, zwanzig Jahre!) zusammen mit anderen UN-Behörden und freiwilligen Helfern.

Etwa fünfzehn Millionen Flüchtlinge, die unter die Genfer Konvention fallen, gibt es derzeit auf der Welt. Das sind fast doppelt soviele wie vor zehn Jahren – und der Etat, über den Stoltenberg verfügt, ist so hoch wie vor zehn Jahren. Die meisten Flüchdinge kommen obendrein aus Ländern und sind in Länder geflohen, die zu den ärmsten der Welt zählen: In Somalia leben 834 000, Äthiopien: 679 500, Sudan: 745 000, Malawi: 628 150 – um nur die größeren Zahlen des vergangenen Jahres zu nennen. Und natürlich Iran und Pakistan, dorthin flohen rund sechs Millionen Menschen vor dem Krieg in Afghanistan Zum Vergleich: Die Bundesrepublik beherbergt 150 000 Flüchtlinge und klagt mächtig darüber.