Von Jürgen Krönig

London, im März

Michael Heseltine bleibt jetzt, da er sein Lebensziel zum Greifen nahe fühlen darf, kühl bis ans Herz hinein. Mit keiner Miene verrät er, wie wohl ihm die Begeisterung tut, die ihm entgegenschlägt, wann immer sein Autokonvoi in konservativen Hochburgen auftaucht. Mit keinem Wort geht er auf die Serie von Umfragen ein, die ihm bescheinigen, Margaret Thatcher in der Gunst der Wähler weit überflügelt zu haben. Wenn überschwengliche Honoratioren der Partei ihn nach seinen stets elegant formuliert und vorgetragenen Reden bereits als künftigen Premier adressieren, wehrt Heseltine leicht tadelnd, wenn auch mit einem verständnisvollen Lächeln, ab. Bei solchen Gelegenheiten greift er auf die Formel zurück, die er sich zurechtgelegt hat. Er „glaube“, Margaret Thatcher werde die Partei in die nächste Wahl führen und siegen; für eine Kandidatur gegen sie stehe er nicht zur Verfügung.

Trotzdem ist noch keiner der zahllosen Interviewer die Frage leid geworden, ob er die Führung der Partei anstrebe. Die politische Klasse in Großbritannien weiß es zu schätzen, wenn einer so vortrefflich mit den Spielregeln umzugehen versteht, die ritualisierte Doppeldeutigkeiten verlangen.

Denn natürlich wird Heseltine die Chance ergreifen, wenn sie sich ihm bietet. Er will die Macht, darauf hat er über vier Jahre zielstrebig hingearbeitet. Heseltine weiß jedoch, daß es verhängnisvoll wäre, zu früh zum Sprung anzusetzen. Auf keinen Fall darf er die Rolle des Brutus übernehmen. Wer die Hand gegen die Parteiführerin erhebt, würde gnadenlos fallengelassen, wie sehr die Partei den Dolchstoß auch herbeigesehnt haben mag. Deswegen läßt er sich nicht aus der Reserve locken, und schon gar nicht durch die Forderung des nervös gewordenen Thatcher-Lagers, er möge sich gefälligst erklären oder ins Glied zurücktreten. Seine Aussichten wachsen mit jedem Prozentsatz, den die Labour-Opposition in den Meinungsumfragen an Vorsprung gewinnt, und je schlimmer die ökonomischen Daten werden – Inflation, Zinsen, Handelsbilanzdefizit. Um so mehr muß er freilich darauf achten, nicht als Politiker zu wirken, der vom Unglück seiner Partei profitiert. Er will als Retter in der Not gerufen werden; bis dahin ist er ganz der selbstlose Parteisoldat.

Heseltines zahllose Reden in den Wahlkreisen sind eine wohlkalkulierte Mischung aus solidarischer Hilfestellung und Eigenwerbung, garniert mit behutsam dosierter Kritik an den offenkundigeren Defiziten, des Thatcherismus. So wirbt er etwa im Wahlkampf für Partei und Regierung und erklärt dann im nächsten Atemzug, daß „vergiftete Flüsse, verdreckte Straßen und Menschen, die in Hauseingängen schlafen, keine Werbung für eine fürsorgliche und wohlhabende Gesellschaft darstellen“.

Unermüdlich hat Heseltine vier Jahre lang die Wahlkreise Großbritanniens bereist. Den jeweiligen Abgeordneten schmeichelt er, indem er in ihren Häusern übernachtet, und er verpflichtet sie sich, weil er ihnen im Wahlkampf zu vollen Sälen verhilft, weil sie sich in seinem Glanze sonnen dürfen. Der hochgewachsene 56jährige Heseltine mit dem beneidenswert dichten Haarschopf, der die konservative Damenwelt verzückt dreinschauen läßt und der ihm den Spitznamen Tarzan eingebracht hat, wirkt immer mehr wie der „kommende Mann“. Durch die Lande reist er wie ein Premierminister, im Jaguar mit Chauffeur, begleitet von zwei Polizeiautos.