Von Gabriele Venzky

Daß er ein Überlebenskünstler par excellence ist, hat der afghanische Präsident Mohammad Nadschibullah schon mehrfach bewiesen. Diese Fähigkeit will viel heißen in einem Land, in dem Verschwörung, Intrige und Mord die bevorzugten Mittel der Politik sind, in dem zwei seiner unmittelbaren Vorgänger umgebracht wurden und einer in der Verbannung verschwand. Den Abzug der sowjetischen Truppen vor einem Jahr und die Angriffe der Freischärler überstand er ebenso unbeschadet wie Anfang März dieses Jahres den Putsch des zweitmächtigsten Mannes im Staate, seines eigenen Verteidigungsministers. Aus allen Ereignissen ging Nadschibullah im Gegenteil sogar gestärkt hervor. Mit diesem politischen Kapital kann er es getrost wagen, sich nun auch noch als Anpassungskünstler zu profilieren. "Reformen wie in Osteuropa" wolle er seinen Untertanen bescheren, so ließ der bullige Parteichef Anfang der Woche die Welt wissen. Eine Mehrparteien-Demokratie soll das bisherige Machtmonopol der kommunistischen Einheitspartei ersetzen. Nach zwölf Jahren Krieg soll diese sogenannte Friedensfront dafür sorgen, daß in das gebeutelte Land am Hindukusch endlich Ruhe einkehrt.

Nadschibullah weiß, daß er seine Eisen schmieden muß, solange sie wenigstens noch halb warm sind. Denn die Welt hat Afghanistan, das so lange Schlagzeilen gemacht hat, so gut wie vergessen. Dabei hat sich dort wenig verändert: Es wird weiter gekämpft und gestorben, nach wie vor flüchten die Menschen, allein eine halbe Million im vergangenen Jahr. Nicht nur Anarchie und Chaos machen diese strategisch wichtige Region zu einem Pulverfaß: Nach dem zehn Jahre währenden Stellvertreterkrieg der Großmächte kämpfen nun die verschiedensten Schattierungen und Gruppierungen des Islam um Einfluß und günstige Ausgangspositionen. Mindestens zwanzig muslimische Staaten und Parteien sind mit ihren Kontingenten auf dem Kriegsschauplatz vertreten, allen voran das finanzstarke Saudi-Arabien, das hier versucht, den Einfluß der Ajatollahs aus dem Iran zurückzustutzen.

Denn in Afghanistan werden die Karten neu gemischt, und die werden die Zukunft der Region bestimmen. Schon jetzt kristallisiert sich hier das Zentrum eines neuen islamischen Fundamentalismus heraus, dessen Ausbreitungs- und Missionierungsdrang nationale Grenzen nicht anerkennt. Die Inder machen in Kaschmir damit gegenwärtig bittere Erfahrungen. Fast noch bedrohter fühlen sich die Sowjets an ihrer "weichen" muslimischen Südflanke. Afghanische Fundamentalisten haben bereits kräftig die Hand mit im Spiel, wenn es in Aserbeidschan, Tadschikistan und Usbekistan unruhig wird.

Vieles spricht dafür, daß die Sowjets gerade aus diesem Grund ihren Schützling Nadschibullah zu immer größeren Kompromissen drängen. Das erklärt auch, warum sie endlich mit den Amerikanern zu einer befriedigenden Lösung kommen wollen, die den Namen verdient. Denn was seinerzeit als großer Durchbruch von Genf gefeiert wurde, war alles andere als eine Basis für den Frieden. Beide Großmächte lieferten ihren Stellvertretern weiterhin Waffen in großem Umfang und verlängerten so den Krieg. "Negative Symmetrie" nannten sie es scheinheilig. Außerdem können es sich die Sowjets nicht länger leisten, für zehn Millionen Dollar täglich Waffen und Nahrungsmittel nach Kabul zu schicken, was wohl ausreicht, den Krieg zu verlängern, aber nicht genug ist, sich militärisch durchzusetzen.

Doch auch die Amerikaner sind nun verhandlungsbereit. Bisher hatten sie immer noch auf einen militärischen Erfolg der von ihnen unterstützten Mudschaheddin gehofft. Deren Debakel vor Dschalalabad im vergangenen Jahr und ihre Unfähigkeit, jetzt den Putsch von Kabul zu nutzen, wenigstens in Khost einzumarschieren, scheint sogar die CIA, die bislang die Administration in Washington gebremst hat, eines Besseren belehrt zu haben. Selbst der bekannteste afghanische Feldkommandant, der "Löwe des Panschir-Tals", Ahmed Khan Massud, war ja bisher nicht in der Lage, auch nur einen einzigen entscheidenden militärischen Erfolg zu verbuchen.

Die Vereinigten Staaten, die ihren Chomeini-Schock noch immer nicht überwunden haben, sind von der Entschlossenheit, die von dem neuen afghanischen Fundamentalismus ausgeht, offenkundig ebenso überrascht worden wie der Kreml. Diese muslimische Form bedroht sämtliche außenpolitischen Ordnungsvorstellungen Washingtons in der Region und stellt eine geradezu tödliche Gefahr für den wichtigsten Verbündeten, nämlich Pakistan, dar. Die Entwicklung läßt es auch ratsam erscheinen, den einstigen Rivalen Sowjetunion jetzt als Stabilitätsfaktor zu unterstützen. Was Präsident Bush freilich auf dem Juni-Gipfel Gorbatschow in Sachen Afghanistan anbieten will, ist unklar. Denn seine langjährigen Verbündeten, die Mudschaheddin, torpedieren jeden Kompromißvorschlag und sind nicht einmal in der Lage, eine neue Schura oder Großversammlung einzuberufen, um wenigstens die Basis ihrer Exilregierung zu vergrößern und glaubwürdiger zu machen.