Von Gunter Péus

NAIROBI. – Der inzwischen viel zitierte und abgewandelte Slogan „Bei ARD und ZDF sitzen Sie in der ersten Reihe“ hat eine reale Entsprechung: Die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten der Bundesrepublik unterhalten das größte Korrespondentennetz im Weltmaßstab.

Sitzen die Zuschauer aber wirklich ganz vorn, wenn sie sich über das Weltgeschehen unterrichten wollen? Wir Korrespondenten tun dazu alles, was in unserer Kraft und im Vermögen der Technik steht. Wir werden immer besser ausgerüstet, um immer schneller und damit aktueller auf den Schirm zu kommen. Die meisten Auslandsstudios wurden während der letzten zwei Jahre mit transportablen Schnitt- und Überspielungsanlagen ausgerüstet. Diese mehrere hunderttausend Mark teuren Geräte ermöglichen es den Reportern, unmittelbar nach der Rückkehr ins Hotelzimmer in irgendeinem Land ihres Berichtsgebiets die gewünschte Sendelänge ihrer journalistischen Video-Ausbeute herzustellen und in der nächstgelegenen Fernsehstation über Satellit nach Hause zu funken. So können Kurzberichte noch am Tage des Geschehens in Deutschland gesehen werden.

Vorausgesetzt allerdings, die Sender bieten den Platz dafür. Doch sie tun es längst nicht mehr, seitdem die Jahrhundertereignisse des denkwürdigen Jahres 1989 eingetreten sind. Da diese sich im wesentlichen in Ost- und Mitteleuropa, zuletzt verstärkt in den beiden deutschen Vaterländern ereigneten, wiesen sie alle sonstigen Weltgeschehen nicht nur auf zweite und dritte Plätze, sondern verdrängten sie nicht selten gänzlich.

Für den Berichtsraum Afrika des ZDF (alle Länder südlich der Sahara ausgenommen Südafrika und Namibia) zum Beispiel bedeutete dies: Nur ein einziges Mal innerhalb eines Jahres erinnerte sich die aktuelle Redaktion an ihr Auslandsstudio in Nairobi, als sie einen Bericht über die seinerzeit bevorstehende Reise Nelson Mandelas zum ANC-Hauptquartier im sambischen Exil anforderte. Andere afrikanische Ereignisse, typisch für Zustand oder neue Entwicklungen in der Dritten Welt, fanden im deutschen Fernsehen nur als Drei-Zeilen-Wortecho statt oder kamen erst nach anstrengenden „Akquisitions“-Bemühungen der Korrespondenten um einen geeigneten Sendeplatz ins Bild.

Die jüngst von vielen afrikanischen Politikern geäußerte Befürchtung, das Interesse der Geberländer und potentieller Investoren an der Dritten Welt werde als Folge der europäischen Veränderungen erlahmen, hat sich bei den elektronischen Medien längst bewahrheitet. Hier ist die Erde nicht mehr rund, sondern eingeteilt: in BRD/DDR, Osteuropa, Amerika und Sowjetunion; die übrige Welt erscheint dem Fernsehzuschauer nur noch schemenhaft.

Bei den „Privaten“ mit ihrem Schwerpunkt Unterhaltung und einem sehr dünnen Korrespondentennetz hat diese Entwicklung noch deutlicher durchgeschlagen. Hier läge eine Chance der „Öffentlich-Rechtlichen“, die Zuschauer wieder in die erste Reihe zu setzen. Sie könnten die unterlegene journalistische und technische Infrastruktur der „Privaten“ ausgleichen und die Welt wieder rund machen.