ZDF, Samstag, den 24. März: „Wir stellen uns“

Sie spiegeln sich so gern in sich selbst und finden sich weltweit – die Fernsehmacher. Fernseirollen werden im Fernsehquiz geraten, Fernsehstars von Fernsehtalkmastern befragt, und Fernsehpreisverleihungen laufen zur prime time. Bei soviel Selbstfeier ist es nur gerecht, wenn auch die Selbstkritik einen Sendeplatz erhält. Im ZDF heißt sie: „Wir stellen uns“ und gibt ausgewählten Publika Gelegenheit, im Studio mit Verantwortlichen über das Programm zu diskutieren.

Diesmal trat in Ulm Programmdirektor Oswald Ring live vor Leser der Südwestpresse und ließ sich einvernehmen zum Thema Familienserien. Als Moderator stand ihm Frank Elstner zur Seite, und über Ted, die telephonische Abstimmung, durften auch die Zuschauer ihre Meinung beigeben. Also, was hat es auf sich mit der Serie, warum verstopft sie jeden zweiten Abend, und warum ist sie meist so mies?

Ja, Käsekuchen, kein Aas hat so gefragt. Die Südwestpresse-Leser, vom Blattmacher wie zum Hohn als kritisch bezeichnet, beschwerten sich, daß noch nie eine Serie in Ulm gedreht worden sei, ärgerten sich, daß die Ansagerinnen immer vorher erzählen, was kommt, und fielen geschlossen über die furchtbaren amerikanischen Gewaltstreifen her. „Unsere Serien sind so wahrheitsgetreu, so echt und so ehrlich“, befand eine Ulmer Oma, und niemand schrie auf. Dann wollte noch wer wissen, was so ’ne Serie kostet. Gern sagte Oswald Ring Bescheid. Zwischen 600 000 und 900 000 pro Folge.

Nein, man hat da keineswegs notorische Jasager ausgelesen, um es Herrn Ring leichtzumachen, und auch Frank Elstner ermunterte durchaus das nicht eben fragefreudige Völkchen aus Ulm. Es ist halt so, wie der Herr Programmdirektor sagt: „Die Leute mögen Serien.“ Und wenn sie zum Meckern bestellt sind, dann geht es gegen Ansagerinnen und Amerika. Die Fernsehfamilie selbst, vom Doktor Brinkmann bis zum Hotelier Lindemann, die ist tabu. „Und wenn sich die Leute unterhalten fühlen“, sagt Ring, „dann ist das ein Erfolgskriterium.“

Dennoch, „die Leute“ gibt’s nicht, unter hundert Serienliebhabern ist einer dabei, dem nicht schmeckt, was zum Beispiel im „Hotel Paradies“ serviert wird. Sogar nach Ulm hatte sich die Meinung verirrt, daß in deutschen Serien der Kitsch vorkomme. Herr Ring verbat sich das. Kitsch sei ein Wort, das er nie gebrauche; er ziehe „niedriges Zugangsniveau“ vor.

Wie auch immer, ein kritisches Stimmchen hatte sich doch gemeldet, und daß es dabei blieb, lag nicht bloß an Ulm. Es lag am Konzept der Sendung, die, aufgemacht wie eine x-beliebige Rate-Show mit Ted, kleiner Kabaretteinlage („Gibt’s bald die gesamtdeutsche Krimiserie mit Gregor Gysi als Rotkäppchen und Helmut Kohl als bösem Wolf?“) und viel Moderatorenlyrik, einfach nicht zum Debattieren einlud.

Elstners notorische Sympathetik läßt den Gedanken, irgendwo könne was faul sein, gar nicht erst aufkommen. So trennte man sich einvernehmlich und hatte auch diese Sendung in Eigenlob umgemodelt. Nur weiter so. Irgendwann gibt es einen hyperglykämischen Schock, und die Selbstreverenz im Fernsehen verendet an Überzuckerung. Barbara Sichtermann