Von Herbert Wulf

Daß die Rüstungsindustrie vor großen Umbrüchen steht, ist in der Öffentlichkeit spätestens seit der umstrittenen Fusion von Daimler-Benz und MBB bekannt. Symptomatisch für eine weltweite Umstrukturierung sind sowohl die Diskussionen über Firmenzusammenschlüsse in Westeuropa als auch die Kontroversen um große Beschaffungsprojekte wie den Jäger 90. Entscheidend sind dabei die derzeitigen Veränderungen der sicherheitspolitischen Rahmenbedingungen: Flugzeuge, Raketen, Panzer und Kanonen werden abgerüstet und zerstört. Soldaten werden abgezogen. Die Beschaffungshaushalte stagnieren oder werden gekürzt. Die Zukunft mancher Großprojekte ist unsicher. Kommt es zur Ausschüttung einer Friedensdividende mit positiven Folgen für die Wirtschaft? Sieht sich die Rüstungsbranche als ein Opfer des Friedens?

Schätzungsweise 100 000 Arbeitsplätze gingen in den letzten drei Jahren in der westeuropäischen Rüstungsindustrie verloren, und die weitere Schrumpfung der Kapazitäten ist absehbar. Auch in den Vereinigten Staaten haben die großen Rüstungshersteller Entlassungen angekündigt oder schon vorgenommen: Lockheed 8000, Hughes Aircraft 7000, Generals Electric 4000, Rockwell 4000, Grumman 3100, Northrop 2500 bis 3000 und Textron 2500. Hätte die zivile Luftfahrt nicht einen Boom zu verzeichnen, wären die Probleme noch gravierender. Vorerst halten die Regierungen noch an den großen Beschaffungsprojekten fest. Es wird gekürzt und gestreckt, nicht aber im großen Stile gestrichen.

Um die möglichen wirtschaftlichen Folgen der Abrüstung zu erforschen, hat das Internationale Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri die wichtigsten Daten der hundert größten Rüstungsfirmen der Welt (ohne die sozialistischen Staaten) zusammengetragen: „Sipri’s 100“ beruht auf Angaben der Firmen und Informationen aus der Fachpresse.

Firmen aus fünfzehn Ländern sind in der Liste vertreten. Das herausragendste Merkmal ist die starke Präsenz amerikanischer Unternehmen. Fast die Hälfte (48) hat ihren Sitz in den Vereinigten Staaten. Den nächstgrößten Block bilden westeuropäische Firmen: zwölf britische, zehn französische und neun Firmen aus der Bundesrepublik. Aus den übrigen Nato-Ländern sind fünf weitere Firmen vertreten: drei italienische, eine niederländische und eine spanische. Den Rest der Gruppe der größten hundert bilden vier schwedische, fünf japanische und ein Schweizer Unternehmen sowie sechs Firmen aus Israel, Südkorea, Südafrika, Brasilien und Indien.

Die Dominanz amerikanischer Firmen widerspiegelt auch die Größe des amerikanischen Rüstungsmarktes: Fünfzehn der zwanzig größten Hersteller stammen aus den Vereinigten Staaten. Die 48 amerikanischen Unternehmen setzen fast zwei Drittel des Rüstungsumsatzes der größten hundert um.

Zwei weitere Aspekte in der Länderverteilung sind besonders bemerkenswert. Zum einen hat Japan zu Unrecht den Ruf, nur über geringe rüstungsindustrielle Kapazitäten zu verfügen. In jüngster Zeit stieg die Beschaffung neuer Waffen in Japan im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern. Nach wie vor machen die japanischen Militärausgaben rund ein Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) aus. Sie erreichen damit – wegen der Größe des BIP und des hohen Wachstums der Wirtschaft – fast die Höhe der Militärausgaben Großbritanniens. Der Boom der japanischen Rüstungsindustrie hat die weltweit bereits vorhandenen Überkapazitäten weiter gesteigert. Zum zweiten sind nur sechs Firmen aus der Dritten Welt unter den hundert größten vertreten, obwohl im vergangenen Jahrzehnt erhebliche Anstrengungen zum Ausbau der Rüstungsindustrie in diesen Ländern unternommen wurden. Dabei handelt es sich jedoch in der Regel um kleinere, personalintensiv arbeitende Firmen, die insgesamt lediglich 1,7 Prozent des Umsatzes der größten hundert auf sich vereinigen.