Schwarzafrikas koloniale Vergangenheit ist mit Blut geschrieben: Nur allzuoft entluden sich die Gegensätze zwischen Schwarz und Weiß in blutigen Aufständen der Afrikaner gegen die Fremdherrschaft. Doch den weißen Eroberern gelang es zumeist, der Erhebung ohne viel Kräfteaufwand Herr zu werden, denn die Bevölkerung Schwarzafrikas war wegen ihrer rassischen, kulturellen und sprachlichen Vielfalt oft in sich zerstritten, so daß es immer nur einzelne Stämme waren, die sich gegen die europäischen Eindringlinge zum bewaffneten Kampf erhoben.

Eine Ausnahme gibt es: den Maji Maji Aufstand im früheren Deutsch Ostafrika, dem heutigen Tansania, in den Jahren 190506. Dieser war die erste geschlossene, quasi nationale Empörung einer Vielzahl afrikanischer Stämme gegen eine weiße Herrschaft in Afrika.

Kein Geringerer als Julius Nyerere, der erste Präsident Tansanias, hat die Weltöffentlichkeit auf dieses bedeutsame Ereignis in der Geschichte nicht nur seines Landes, sondern ganz Schwarzafrikas in einer vielbeachteten Rede vor der Uno in New York im Dezember 1956 aufmerksam gemacht. Nyerere sorgte dafür, daß dieser Freiheitskampf der Vorväter als der erste Meilenstein auf dem Wege des tansanischen Volkes zur "Uhuru", zur Unabhängigkeit, in der Erinnerung der Menschen seines Landes wieder lebendig wurde. Heute sind die Worte Maji Maji ein geschichtlicher Begriff für die Einwohner Tansanias. Die Darstellung dieses Aufstands bildet einen festen Bestandteil im Unterricht an den tansanischen Schulen.

Was aber wissen wir Deutschen noch über diesen uns direkt angehenden Aufstand? Die Antwort lautet: so gut wie gar nichts! Er ist aus dem Geschichtsbewußtsein unseres Volkes verschwunden. Hier wird nun diese Tragödie in der deutschen Kolonialgeschichte der Vergessenheit entrissen.

In den letzten Monaten des Jahres 1904 gelangten seltsame Nachrichten aus dem Gebiet des Rufiyi Unterlaufs nach Daressalam, der Hauptstadt Deutsch Ostafrikas. Seit einiger Zeit bewegten sich riesige Pilgerzüge nach Ngarambe, einem abgelegenen Ort in den Matumbi Bergen, um dort einen Zauberer namens Kinjikitile aufzusuchen. Dieser gebe sich als Mittler zwischen den Menschen und einem Naturgeist namens Bokero aus. Der Geist war ihm angeblich im Rufiyi Fluß in Gestalt einer Schlange, genannt Kolelo, erschienen.

"Eines Tages, so gegen 9 Uhr morgens, sahen die Dorfbewohner von Ngarambe Kinjikitile auf einen Teich zukriechen", berichtet ein Augenzeuge "Die Leute versuchten, ihn festzuhalten, doch er schrie, sie sollten ihn loslassen, sie täten ihm weh. Dann verschwand er in dem Teich. Am nächsten Morgen bewegte sich plötzlich das Wasser, und Kinjikitile tauchte unversehrt und mit trockenen Kleidern wieder auf. Als er am Ufer stand, wandte er sich an die Leute des Dorfes und verkündete ihnen folgendes:

Kein Löwe oder Leopard wird Menschen fressen. Wir alle, ob Pogoro, Luguru, Saramo, Matumbi und wie die Stämme alle heißen, sind eine geneinander gekämpft haben. Kolelo läßt durch meinen Mund verkünden, daß Mungu selbst auf Erden erscheinen und ein Reich der Schwarzen errichten wird, sobald wir einig sind. Dann wird ewiger Frieden und ewige Glückseligkeit herrschen. Kolelo hat mir auch eine neue Medizin gegeben gegen alle Übel und ganz besonders gegen Die messianischen Verkündigungen Kinjikitiles machten einen ungeheuren Eindruck auf die einfachen Gemüter der Matumbi Bauern, deren Lebenskreis fast ausschließlich auf die Familie und die dörfliche Gemeinschaft beschränkt war und deren eigenes Leben durch den Kampf um das Dasein und gegen die Naturgewalten, die abergläubische Furcht vor finsteren Dämonen, durch Einfalle räuberischer Nachbarstämme und arabischer Sklavenjäger geprägt war. Nun wurde ihnen plötzlich eine Heilsbotschaft verkündet. Mungu, die allen Bantu Völkern Ostafrikas gemeinsame deistische Gottheit, würde selber auf Erden erscheinen und ein Gottesreich der Schwarzen errichten. Mungu hatte endlich das Stöhnen und Klagen seiner afrikanischen Kinder erhört und würde sich nun ihrer erbarmen!