In der siebten von acht Szenen ist es soweit. Im Akademietheater geht das Licht auch im Saal an, zehn Minuten vor dem Ende der gerade neunzig Minuten dauernden Uraufführung von George Taboris Stück "Weisman und Rotgesicht", das der 1914 in Budapest geborene Autor und Regisseur einen "jüdischen Western" nennt. Die Szene heißt "High Noon", beschwört also den großen Showdown des Western-Films, den Zweikampf des Cowboy genannten Engels des Lichts gegen die Ausgeburt der Finsternis.

Im Hintergrund der Bühne ist groß der Vollmond hinter einer einsamen Kiefer in den nachtschwarzen Himmel gestiegen. Die Szene könnte, durchaus im Sinn des von Ursula Grützmacher-Tabori witzig übersetzten, bis in Kalauer wortverspielten Textes, auch "High Moon" genannt werden. Auf die niedere Rampe setzen sich die beiden Schauspieler, die das kleine Stück zu einem Theater-Erlebnis machen: Michael Degen als der frisch verwitwete jüdische Händler in Herrenunterwäsche, Arnold "Weisman", und Hans Christian Rudolph als vermeintlicher Indianer "Rotgesicht", der in Wirklichkeit Geegee Goldberg heißt ("Meine Mutter war eine Squaw. Sie hieß Juanita. Mein Vater verschwand, als ich drei war...").

Aber so weit sind wir jetzt, da das Licht (der Wahrheit) auch im Saal angeht, noch nicht. Jetzt entsichern die beiden vom Leben geschlagenen Männer erst einmal ihre Wortpistolen und legen an – nicht auf das Gegenüber, sondern (wir sind in einem jüdischen, einem selbstquälerisch-verzückt chassidischen Western) auf sich selber.

Diese Szene der Selbstbezichtigung, der Selbstbeschimpfung und Selbsterniedrigung (auch zum Zweck der Selbsterhöhung) ist wohl die Keimzelle des Werkes, das Tabori vor zwanzig Jahren in Amerika als Erzählung geschrieben, vor zehn Jahren in ein (mit dem "Prix Italia" ausgezeichnetes) Hörspiel verwandelt und jetzt noch einmal in ein etwas schmalbrüstiges Theater-Spiel umgemodelt hat.

Das monotone Bum-Bum der Schießkanonen imitiert Tabori lautmalerisch, indem er seinen bis dahin amüsant auf Piauder-Niveau getrimmten Text plötzlich zu Reim-Würden kommen läßt. "Wichser", bezichtigt sich Weisman, und wie echot Rotgesicht? "Fixer." Klagt W.: "Ungeliebt", punktet R. ihn aus mit dem reinen Reim: "Zuviel geliebt." – "Verhöhnt." – "Verpönt." – "Verklagt." – "Verzagt."

– "Verzogen." – "Verlogen." So steigert sich die Sprach-Litanei dieses Worte-Duells, über die vom Gegner kaum zu überbietende Hürde: "Schamhaarkrebs" ins Finale mit Weismans K.-o.Schlag: "Ich hatte mal einen Hund, den haben zwei Hispanos mit Baseballschlägern erschlagen, nur weil er eben weiß wir."

Schiedsrichterin dieses Matches ist die schwerbehinderte Tochter Weismans, die zuckende, stotternde Ruth (Leslie Malton). Und so sind auf der Bühne alle versammelt, die in der Erfolgsgesellschaft der USA "behindert" und an den Rand gedrängt sind: Jude, Indio, Krüppel. Und es sind auch da der (vom Bussard der Erzählung) zum großen Greifvögel ausgewachsene Geier als Inbild der bedrohten Natur in den Rocky Mountains, wo Tabori sein Spiel ansiedelt, und das andere, das internationale und zeitlose Symbol für die geknechtete Natur, der Esel.