ZDF, Montag, 2. April, 22.55 Uhr: „Gesichter des Schattens“

Die Katze mit dem kupierten Schwanz – der Anblick eines so verstümmelten Tieres ist vergleichsweise harmlos, der Augenschein ist es nicht, der uns die Welt erschreckend deutlich macht, sondern das Fehlen des Augenscheins. Doch Richard Hermansen ist blind, er glaubt, seine geliebte Katze auf dem Schoß zu haben, er streichelt sie, bis seine Finger das unnatürliche Schwanzende erreicht haben und er das fremde Tier von sich stößt. Die Welt dieses Blinden ist voll grauenhafter Entdeckungen; die besten Szenen des Films leben davon, daß sie das Grauen dort aufspüren, wo es dem Sehenden gar nicht bemerkbar würde.

Dabei geht in diesem Film alles mit rechten Dingen zu: Hermansen erblindet bei einem Unfall. Da er darauf besteht, seine Firma weiterzubetreiben, sein Projekt einer supereffektiven Lichtquelle weiterzuentwickeln, ziehen sein Partner und seine Frau ihr Kapital zurück. Sie glauben, die Dinge geregelt zu haben. Wovon sie nichts ahnen, das sind die Gesichte, die Ahnungen, die Schrecknisse des Mannes, dem die ganze Welt Geräusch wird und Geruch und etwas, das ihn täuschen will.

Man sagt ihm, es gehe ins Ferienhaus an der Nordsee, dort aber ist es ungewöhnlich warm. Die Schuhe des Blinden tasten die Wegbegrenzungen ab, ja, es sind die alten Wege, die er kennt. Was er nicht sehen kann: Die steinernen Begrenzungen sind nicht alt, sondern ganz neu. Das Haus, sein Zimmer, sogar das Pfirsichbäumchen, das er pflanzte – alles ist nachgebaut und nachgestellt worden, während er im Krankenhaus war, eine beinahe perfekte Kulisse für die Sinne eines Blinden, nein: für das, was ein Sehender für die groben Orientierungssinne eines Blinden hält.

Und so wenig wie seine Betrüger ahnt der Blinde, wie fremd ihm das Haus an der Nordsee werden wird, das tatsächlich an der französischen Atlantikküste steht. Plötzlicher Pinienduft, den natürlich niemand außer ihm riechen kann. Ein exotischer Hirschkäfer verendet unter dem Fuß seines Kompagnons, der Blinde hört und weiß es und wird natürlich ausgelacht.

Einmal hat er sich heimlich zum Friedhof fahren lassen, zum frischen Grab seines Bruders, und hat dort sein eigenes Geburtsdatum, seinen Vornamen auf dem Grabstein gefunden. Er ist zurückgekehrt, hat seine Frau, ohne es zu wissen, mit dem Kompagnon erwischt und will nun Klarheit haben. Sie klärt ihn auch auf, verständigt sich durch Blicke mit dem Dritten, von dem er nichts ahnt. Der blinde Mann fällt ihr zu Füßen: „Alles wäre so einfach gewesen, wenn du mich nur ein bißchen mehr geliebt hättest“ – sie sinkt ihm in die Arme, gemeinsam wollen sie nun stark sein, für sie nur will er seine Superglühbirne erfinden. Da läßt der Dritte sein Feuerzeug schnipsen, und dem Blinden geht endgültig das Licht aus.

Kitsch ist also auch im Spiel bei diesem Film und die zu erwartenden Klischees der Ruchlosigkeit. Dennoch hat er magische Momente, die Magie der Geräusche überträgt sich auch auf uns Zuschauer, wenn wir den Blinden die fremde Luft belauschen und beriechen sehen. Das Friedhofsglöckchen bimmelt, und er schmeckt dem dünnen Klang mit Lippen nach, die sehen wollen. Martin Ahrends