Am Morgen ein Blick aus dem Fenster der Bed-and-Breakfast-Pension. Der Regen strömt herunter. Schottischer Regen. Selbst beim besten Touristenwillen: Die Gegend sieht traurig aus. Aber um die schöne Aussicht geht es uns auch gar nicht. Dem Regen können wir sogar etwas Gutes abgewinnen: Quellwasser. Daraus macht man in Schottland Uisge Beatha, „Lebenswasser“ – bei uns eher als Whisky bekannt. Wie das geht, wie aus Regen Whisky wird, kann man sich genau ansehen: am River Spey, zwischen Aberdeen und Inverness, dem Zentrum der schottischen Whisky-Produktion.

Rund fünfzig Destillerien brennen hier Whisky. Sieben davon haben sich zum Malt Whisky Trail zusammengeschlossen. Sei es ein altes Lager oder eine Mühle, die Brennereien haben mit viel Liebe und Geld Besucherzentren hergerichtet. Vor der Führung durch die Brennerei muß jeder eine Bildershow über sich ergehen lassen. Kein Klischee wird ausgelassen, wenn den Touristen die heile Welt des Whisky-Machens gezeigt wird: munter sprudelnde Gebirgsbäche, nebelverhangene Hochlandtäler und knorrige Schotten, die mit viel Liebe dem Whisky-Brennen nachgehen.

Das dauert aber nicht lang, die Führung beginnt, und der Besucher folgt einem Schottenrock in Richtung Whisky-Produktion. Als erstes erfährt der Laie, daß Whisky nicht gleich Whisky ist. Da gibt es den Blended Whisky. Das ist ein im Schnellverfahren aus Getreide hergestellter Grain Whisky, vermischt mit teurem Malt Whisky. Dieser Blended Scotch ist der meistverkaufte schottische Whisky. Über den rümpft der Kenner aber nur die Nase. Er trinkt Single Malt Whisky: Nur gemalzte Gerste darf verwendet werden. Weil Form und Standort des Destillierapparates den Geschmack bestimmen, darf er nur in einer Destillerie gebrannt werden. Und alt muß er sein. Ein guter Single Malt Whisky lagert mindestens acht Jahre in Eichenfässern.

Was genau beim Malt-Whisky-Brennen passiert, ist ziemlich kompliziert. Der Whisky-Fan sollte sich zumindest so viel merken können: Am Anfang geht es fast so zu wie beim Bierbrauen. Gemalzene, also gekeimte und über dem Torffeuer getrocknete Gerste wird gemahlen und eingemaischt, das heißt, mit erhitztem Wasser von der eigenen Quelle vermischt. So entsteht die Würze. Nach dieser ersten Station im mash-house geht es weiter zu den washbacks. In diesen riesigen, sechs Meter tiefen Holzbottichen kommt Hefe dazu. Für über vierzig Stunden brodelt und gärt die Flüssigkeit, das wash. Das Gebräu duftet säuerlich, und jeder darf mal riechen. Daraus soll guter Whisky werden?

Wird es! Und zwar in den stills, die eigentlich nichts anderes sind als riesige Destillierkolben aus Kupfer. Zweimal brennt der Destilliermeister das wash. Am Anfang ist das Destillat zu schwach, am Ende zu stark. Nur das sogenannte heart of the mit kann für den Whisky verwendet werden.

Doch mit schottischem Whisky hat dieser middle-cut noch wenig zu tun. Nein, keine goldbraune Flüssigkeit, sondern ein quellklares Wässerchen sprudelt munter aus den Kolben. Kein Mensch würde auf die Idee kommen und das trinken.

Mancher Schwarzbrenner hat es früher getan und ist erblindet. Bevor das Destillat in die Eichenfässer wandert, wird es mit Wasser versetzt und muß dann mindestens drei Jahre lang reifen. Erst danach darf es schottischer Whisky genannt werden. So will es das Gesetz. Doch, wie gesagt, was ein guter Single Malt Whisky werden will, das ruht acht bis fünfzehn Jahre in den Lagerhäusern. Hier holt sich der erste Konsument seinen Teil. Jedes Jahr gehen zwei Prozent des Whiskys durch die Atmung des Holzes verloren – the angels’ share, der Anteil für die Engel, wie die Schotten sagen.