Von Viola Roggenkamp

Wo blüht die rote Iris? Wo auf dieser Welt ist sie wild wachsend zu finden? Nur in Israel. An einem sonnigen Frühlingsmorgen machten sich in Jerusalem 42 Erwachsene, acht Kinder und ein Hund auf, um sie zu finden. Irgendwo in der Gegend zwischen Tel Aviv und Ashdod, zwischen Apfelsinenplantagen und Dünenketten. Der ganze Bus unterwegs am Sabbat morgen um 8 Uhr wegen einer Blume. Vorbei an silbrig schimmernden Olivenhainen und ungezählten, aus dem Boden schießenden Kalaniot – knallrote Anemonen, die um diese Jahreszeit die in milde Farben getauchte Landschaft wie mit Sommersprossen übersäen.

„Oh, unser Land, wir werden dich in Zement und Asphalt kleiden ...“, sangen noch vor fünfzig Jahren mit Inbrunst die Pioniere beim Aufbau von Straßen und Kibbuzim. Seitdem 1953 die SPNI, die Society for the Protection of Nature in Israel, gegründet wurde – sie führt die rote Iris als ihr Wappen –, traut sich in Israel niemand mehr, mal eben eine Blume abzupflücken. „Denn“, sagt unser Reiseleiter, während er sich bückt und einer kleinen, stark duftenden Blume den Stengel bricht, „wenn das alle täten.“

Der Hund hat sie als erster gefunden: Irus Argaman, die Purpurne. Fast braunschwarz ist sie. „Eine Rarität, aber nicht besonders hübsch“, bemerkt eine alte Dame und fügt beiläufig hinzu, „einer kleinen, blauen Blume hat man den Namen ‚Mosche Dajan‘ gegeben, weil sie so zäh ist.“ Kein Zweifel, die Israelis lieben die Natur ihres Landes, die sie zu einem nicht geringen Teil selbst mühevoll angelegt haben. In den vergangenen vierzig Jahren wurden über 73 000 Hektar Wald gepflanzt, fast doppelt soviel wie der ursprüngliche Bestand; obendrein auf Ödland.

Hier gibt es sogar ein Neujahrsfest für Bäume – Anfang Februar. Dann schwärmen die Menschen überall im Land aus, um junge Bäume anzupflanzen. Vom Kindergarten bis rauf zur Knesset ist man mit Schaufeln unterwegs, buddelt, pflanzt und singt. Das israelische Parlament pflanzte sich in diesem Jahr 200 000 Bäume. Zunächst aber gab es auch darum erst einmal den landesüblichen Streit: Wo? „Im Osten“, sagten die Rechten und trafen wie zu erwarten auf den Widerstand der Linken: „Nicht auf besetztem Gebiet.“ Ob die endlich gefundene Lösung modellhaft für einen israelisch-palästinensischen Friedensplan sein kann? – Die Rechten pflanzten im Osten, die Linken im Westen und die Liberalen in der Mitte.

Über den Zuwachs von Bäumen wird sich im Ernstfall niemand beschweren wollen, aber den kontinuierlichen Strom nach Israel einwandernder Juden aus der Sowjetunion wollen die Palästinenser und die arabischen Länder unter allen Umständen stoppen. Der PNC, das palästinensische Exil-Parlament, spricht von einer „jüdischen Invasion auf unsere Heimat“, und Jordaniens König Hussein sieht „die jüdische Gefahr lawinenartig auf die arabische Welt“ zukommen. Die arabische Welt, das sind 120 Millionen Araber gruppiert um nicht ganz vier Millionen jüdischer Israelis.

„Diese Zionistenbanden werden gebildet von dem schlimmsten Abfall aus Osteuropa“, hieß es in der Zeitung Al-Watan (Kuwait). „Allah hat dafür gesorgt, daß die Juden an jedem Ort der Welt von der Menschheit gehaßt werden“ (Al Riyadh, saudiarabische Zeitung). Diese Art Haßtiraden sind seit Jahren täglich in arabischen Zeitungen zu lesen. Unlängst veröffentlichte Al Ahram, Ägyptens bekannteste Zeitung, eine ganzseitige Anzeige, aufgegeben von 88 prominenten Persönlichkeiten Ägyptens, die darin von der russischen Aliya (Einwanderung nach Israel) als „dem größten Verbrechen unserer Zeit“ sprechen.