Von William Sheldon

NÜRNBERG. – Die De-facto-Vereinigung der Bundesrepublik Deutschland und der DDR fand am 9. 11. 1989 statt. Seitdem arbeiten deutsche Politiker an den Details. Eine der schwierigsten Fragen ist, wie die Wirtschaft des Ostens wieder belebt werden kann. Trotz der vielen Unbekannten ist doch eine Teilantwort gewiß: Diese Aufgabe liegt vor allem in deutscher Verantwortung, und die Lösung der Probleme wird jeden Bundesbürger zunächst einen ganzen Batzen kosten.

Wer ein wenig historisch denkt – erinnert sei an den Marshallplan –, weiß, daß dabei kurzfristige Opfer durch langfristige Vorteile bei weitem aufgewogen werden. Die westdeutsche Wirtschaft bewegt sich in Rekordhöhe. Die einzig beunruhigenden Fragen heute sind: Erstens: Wer wird den Wiederaufbau in der DDR und Osteuropa bezahlen? Zweitens: Wird es zum Streik der IG Metall kommen? Niemals seit Kriegsende war nationaler Konsens nötiger und zugleich lohnender für die Gewerkschaften als jetzt. Und zu keiner Zeit waren die Auswirkungen eines Streiks auf deutsche Interessen schädlicher, als sie es heute werden könnten.

Angesichts des außerordentlichen wirtschaftlichen Erfolges der Bundesrepublik und der relativ geringen Lohnsteigerungen der letzten Tarifrunden erscheint zwar eine kräftige Lohnerhöhung gerechtfertigt. Aber selbst vielen Arbeitnehmern ist die Forderung nach Arbeitszeitverkürzung nicht geheuer. Tatsache ist doch, daß deutsche Arbeitnehmer jährlich weniger Stunden arbeiten und einen höheren Lebensstandard haben als Arbeitnehmer in irgendeinem anderen Land der Welt. Wäre es da für die IG Metall nicht sinnvoller, im Geiste der Solidarität und im nationalen Interesse ihre Phantasie der ökonomischen Misere der Arbeiter in der DDR zuzuwenden, anstatt eine Arbeitszeitverkürzung zu fordern?

Der folgende Vorschlag in der jetzigen Tarifrunde würde der IG Metall außerhalb der Gewerkschaft Respekt verschaffen und, so glaube ich, auch von ihren Mitgliedern unterstützt: Die Löhne werden um sechs Prozent erhöht, und zugleich wird ein IG-Metall-Fonds für die DDR gegründet. Die Gewerkschaft verzichtet auf die Einführung der 35-Stunden-Woche und fordert statt dessen, daß der Unterschied zwischen der jetzigen Arbeitswoche (37,5 Stunden) und der 35-Stunden-Wochen – also zweieinhalb Stunden wöchentlich – in D-Mark berechnet und von den Arbeitgebern für zwei Jahre in den neuen Fonds eingezahlt wird. Die Verwaltung des Fonds könnte in der Obhut der Kreditanstalt für Wiederaufbau liegen, die einschlägige Erfahrung hat.

Ein solcher Vorstoß der IG Metall könnte im DGB und anderen berufsständischen Organisationen Nachahmung finden, so daß die wirtschaftliche Sanierung der DDR nicht allein eine Angelegenheit des Staates und der Unternehmen bliebe. Steuererhöhungen und dem befürchteten „Ausverkauf der DDR“ könnte damit entgegengewirkt werden.

Es wäre eine konstruktive Antwort auf die wirtschaftlichen Bedürfnisse der DDR, ein positiver Beitrag zur Vereinigung der DDR und der Bundesrepublik Deutschland und ein erneutes Zeichen für die im Ausland so bewunderte produktive Zusammenarbeit von Arbeitgebern und Arbeitnehmern.

  • William Sheldon ist Direktor des Deutsch-Amerikanischen Instituts in Nürnberg.