Von Klaus Modick

Im Selbstverlag erschien 1920 „In Stahlgewittern“, der Versuch des damals 25 Jahre alten, völlig unbekannten Autors, seine traumatischen Weltkriegserfahrungen in Form eines stilisierten Tagebuchs zu bewältigen – und heroisch zu überhöhen. 1990, zum 95. Geburtstag Ernst Jüngers, erscheinen die Traum-Capriccios „Zeitsprünge“ und der Essay „Die Schere“ – dazwischen liegen siebzig Jahre kontinuierlicher, schriftstellerischer Produktion, das Werk greift längst über die schon vorliegenden achtzehn Bände der „Sämtlichen Werke“ hinaus. Jüngers Werk ist freilich nicht nur wegen seines Umfangs, seine Laufbahn als Autor nicht nur wegen ihrer lebenszeitlichen Dimension einzigartig; verblüffend ist daran auch, daß in diesem Werk, aller äußeren Wandlungen, aller inneren Brüche zum Trotz, einheitliche Grundlinien auszumachen sind, Kardinalfragen in einem schriftstellerischen Kosmos.

Gewiß, das skandalös provozierende, nationalrevolutionäre Pathos seiner Frühschriften, das in den demiurgischen Ermächtigungsphantasien des Großessays „Der Arbeiter“ aus dem Jahr 1932 kulminierte, ist längst zur Negativfolie dessen geworden, was Jünger im Spannungsfeld von Nihilismus, Zeit- und Weltanalyse und einem kosmologischen Denken seither dachte und schrieb. Gleichwohl bestimmen Fragen nach der Rolle des einzelnen im gesellschaftlichen Ganzen, nach dem Verhältnis des Fortschritts zum Menschen und der Technik zur Natur, nach wie vor dies zwischen Kulturkritik, naturwissenschaftlichem Diskurs, transzendentaler Spekulation und kühler Fiktion oszillierende Projekt.

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„Die Schere“, ein aus insgesamt 284 locker assoziierten Abschnitten komponierter Essay, der formal an die verfließende Kompositionstechnik der Überlegungen zu „Autor und Autorschaft“ (1984) anknüpft, ist ein freies Gedankenspiel, in dem Jünger noch einmal die Grundfragen seines Werks an- und zusammenklingen läßt, grundiert, doch keineswegs verdüstert durchs Bewußtsein der eigenen Todesnähe.

Zur Diskussion, besser: Zur Meditation steht wiederum die Gefahr, die fürs Individuum, für die Gesellschaft, für die Natur und inzwischen auch unübersehbar für den ganzen Planeten vom sogenannten technischen Fortschritt ausgeht. Nun war Jünger nie Apokalyptiker, und auch angesichts des globalen Zerstörungspotentials des Atomzeitalters, angesichts ökologischer Katastrophen läßt er sich auf Untergangsvisionen nicht ein. „Ein Experiment scheint in die Krisis geraten zu sein. Eine gewisse Beruhigung verleiht der planmäßige Charakter der Entwicklung, die keinen Aufschub kennt. Die Mittel scheinen aufeinander abgestimmt, als ob Teile aus weit voneinander entfernten Gebieten sich zu einem Apparat fügten.“

Spricht Jünger hier von der Beruhigung durch „planmäßige Entwicklung“, so zeigt sich in dieser Wendung sein unerschütterlicher Glaube an Logik und Sinn eines evolutionären Prozesses, in den historische Zeit und Menschheitsentwicklung als periphere Übergangsphänomene eingebettet sind. Die Entwicklungstendenz der Technik ist in Jüngers Diagnose dialektisch: Zwar gebe es angesichts sterbender Individuen, Arten und Gattungen eine „apokalyptische Wehmut“; doch sei die globale Nivellierung zugleich Indiz wachsender Vergeistigung, eine Art Selbstsublimation technischer Mittel: „Große Daten stehen an, in denen sich Märchenträume verwirklichen, wie es bereits in unserem Jahrhundert durch Flug, nicht nur in die Atmosphäre, sondern bis zu den Sternen, gelungen ist.“