Von Joachim Fritz-Vannahme

Paris, im März

Der Präsident empfing das Fernsehvolk in der Bibliothek. Mit seinen in Jahrhunderten nachgedunkelten Regalen und den Ledereinbänden mit Goldprägung erinnert der Raum an die Seminare ehrwürdiger Universitäten. Hier regiert der Geist und ruht das Geschäft, wird der Lärm der Tagespolitik gedämpft zum Privatissimum. "Wir Franzosen sind an die Geschichte gewöhnt", philosophierte François Mitterrand. "Seit tausend Jahren sind wir die Nachbarn der Deutschen. Sie waren immer ein großes Volk, meist geteilt, manchmal geeint. Wir führten viele Kriege gegeneinander. Erinnern Sie sich an das Wort Napoleons: Jeder Staat macht die Politik seiner Geographie."

Beruhigend sollten die weltgeschichtlichen Betrachtungen klingen; klein, unwichtig fast wirkt aus seiner Vogelschau aller Zwist, und sei es der zwischen Mitterrand selbst und Helmut Kohl: "Zu unserer Geographie gehört der deutsche Nachbar, ein sehr mächtiger Nachbar. Dann gibt es da noch andere Nachbarn, kurz, Europa. Und wenn man das deutsche Problem in den Griff bekommen will, muß man künftig über das Problem des deutsch-französischen Paares hinausgehen, dabei achtgeben, daß es solide bleibt, um das Problem von ganz Europa in Angriff zu nehmen."

Noch nie in der Nachkriegszeit war "das deutsche Problem" für Frankreich so groß, selten stand es um die deutsch-französischen Beziehungen zwischen Kanzler und Präsident so schlecht wie in den vergangenen Wochen und Monaten. Doch in dieser Woche waren mit einemmal Besinnung und Beschwichtigung angesagt. Wenige Tage nacheinander standen erst François Mitterrand und dann Helmut Kohl im französischen Fernsehen Rede und Antwort. Beide blickten nur noch kurz auf den Scherbenhaufen der jüngeren Vergangenheit zurück, beide richteten den Blick lieber nach vorn auf das Dubliner EG-Gipfeltreffen, auf dem sie in gemeinsamer Initiative einen Terminplan für die politische Union der Gemeinschaft vorlegen wollen.

Drängte die Pariser Regierung den deutschen Partner bis gestern vergeblich, die vereinbarte Konferenz über eine westeuropäische Wirtschafts- und Währungsunion vorzuziehen, so erklärte Mitterrand den Beginn dieser Verhandlungen mit einemmal für nebensächlich: Denn Kohl hatte soeben als Enddatum für die Währungsunion das Spätjahr 1991 vorgeschlagen. Zeigte Frankreich gerade noch wenig Eifer beim Aufbau einer politischen Union, erklärte der Präsident diese plötzlich zur Priorität. Streit zwischen ihm und Kohl habe es überhaupt nicht gegeben, nur "einen Unterschied in der Einschätzung der Begleitumstände der deutschen Einheit".

Wochenlang hatte der Präsident geschwiegen, und in Frankreich war die Unruhe über die deutsche Einheit gewachsen. Mitterrands Privatissimum in der Bibliothek des Elyseepalastes ähnelte darum einer psychoanalytischen Sitzung. Er wandte sich an ein verängstigtes Frankreich, das nach anfänglicher Freude über den Fall der Mauer von der Furcht vor den Deutschen befallen wurde. Deutschland verlor in den vergangenen Wochen in den Köpfen einiger Franzosen zusehends die Züge des netten Nachbarn von heute und ähnelte wieder dem grimmigen Feind, dem boche von gestern. "Franzosen, habt Vertrauen in euch selbst", redete Mitterrand seinen Landsleuten beruhigend zu: "Man muß der Geschichte ins Auge sehen. Sie hat nichts Erschreckendes, wenn man sich fähig fühlt, sie zu meistern."