Von Peter Hays London

Die rund 4000 roten Doppeldecker Londons sind recht indiskret. Kein Wunder bei über vier Metern Höhe. Bei jedem Törn auf dem Topdeck gibt’s zigfachen Einblick in die Schlafzimmer der Kapitale. Sogar manche Kolportage ließe sich von oben auf ihren Legendenanteil prüfen. Im Prinzip auch, ob Margaret ihrem Dennis in den oberen Privatstuben von number ten wirklich jeden Morgen den Toast macht. Aber nur im Prinzip. Über 400 Routen, eng verknüpft und mit einer Gesamtlänge von fast 3000 Kilometern, decken in Greater London zwar die Busbedürfnisse der neun Millionen Einwohner ab, doch ein Paar Tabustraßen dürfen sie nicht berühren. Die roten Brummis und Schnurris umrunden weder den Buckingham Palace von Queen Elizabeth II, noch werden sie je in der Downing Street gesichtet, wo in der Nummer zehn Margaret residiert.

Der Dachverband der Londoner Busse setzt die jährliche Gesamtmenge seiner gefahrenen Kilometer einem Flug zur Sonne – und fast zurück – gleich. Zu Stoßzeiten ist so ein Jumbobus wohl noch gerade ökologisch vertretbar, denn immerhin schluckt er etwa achtzig Passagiere, als Spätbus der wichtigsten Linien, der im Stundentakt die ganze Nacht lang verkehrt, wird er allerdings zur verlustreichen Volkslimousine.

Schon um neun Uhr abends habe ich diesmal das ganze Oberdeck des 105ers für mich allein. Das Laub der Platanenwipfel wischt an den Fenstern. Draußen, über den Reihenhäusern von Shepherd’s Bush, schaukelt der blasse Mond mit. In jeder Kurve dümpelt das behäbige Vehikel wie bei leichter Dünung. Eine gute Freundin ist, seitdem sie hier oben mal fast seekrank wurde, nie wieder die acht Wendelstufen zum Topdeck hochgestiegen.

Sinnigerweise beobachtet der Mann (oder neuerdings auch die Frau) am Steuer das Geschehen eine Etage höher mit einer Art Periskop – und alarmiert per Fußtaste die Zentrale beim kleinsten Anzeichen von Randale. Für deren Vielfalt sorgen nicht nur Spätheimkehrer aus den Pubs, sondern manchmal auch ein paar aus dem harten Kern der Chelsea-Fans, wenn ihre Kicker den kürzeren gegen Lokalrivalen wie Arsenal gezogen haben. Heute abend wird dem Fahrer da unten nicht einmal der zahmste und gängigste Gruß entboten, nämlich eine dicht neben dem Glasauge des Periskops herausgestreckte Zunge. Kurz vor meiner Haltestelle kündigt mir der grauhaarige Mann mit 400 PS unter der Schuhsohle auf seine Weise den Stadtteil Southall an. Er wolle „nichts Abfälliges“ sagen, aber „wir beide sind gleich die einzigen weit und breit ohne Turban auf der Birne“.

In Southall siedelten sich während der letzten Jahrzehnte vor allem Londoner indischer Herkunft an. Von ihrem über die Metropole verstreuten Eckladen-Empire ist man kundenfreundliche Öffnungszeiten längst gewöhnt. Und auch hier am Broadway glimmt hinter vielen Schaufenstern noch Licht. Im Videoverleih „Bindi“ ist Grimmiges mit Charles Bronson ebenso gefragt wie die neueste Romanze aus Bombay. Die Puppen des „Punjab Textiles“ tragen blonde Perücken und schimmernde Saris. Das rote Neon eines schmalen Werbestreifens für den Wodka-Hit der Woche gleitet auf und ab an der Fassade eines Geschäfts, in dem drei Sikhs ihrer späten Kundschaft allerlei Alkoholika in Papiertüten stecken. Mein nächster Bus, einer vom Rudel der 207er, hat sich verspätet. Also hineingetaucht in die Schlemmerhöhle „Tandoori Express“. Für die Verwandtschaft nehme ich aus Kürbissaft und Zucker gesponnene Geleepastillen mit.

Meine Schwester, bei ihr wohne ich, wenn ich länger in London bin, ist hellwach und tischt mir gegen zwei Uhr morgens eine Tasse frischen Tee auf. Meine Streifzüge mit den Nachtbussen machen ihr jedesmal Sorgen. Die Hauptstadt hält sie für „zu laut, zu schmutzig und zu gefährlich“. Aber sie schätzt den Bruder als Berichterstatter. Mit dem Buspaß sind an einem einzigen Tag viele jener Eindrücke zu sammeln, derentwegen einst jahrelang über die Weltmeere gesegelt wurde. Die Ansätze einer laut Soziologen „multikulturellen Gesellschaft“, eine Collage von mehr als dreißig boroughs, Stadtteilen, machen dies möglich: etwa das stark karibische Notting Hill, wo jeden Hochsommer ganz wie auf Trinidad oder Jamaika der Karneval steigt, oder London-Finchley – nebenbei der Wahlkreis Margaret Thatchers –, dessen japanische Gemeinschaft in erster Linie durch die Verbeugungsrituale am Lokalbahnhof auffällt, oder Soho alias Chinatown, in dessen wie Labyrinthe angelegten Supermärkten alle Düfte des Orients hängen, oder Earl’s Court, wegen seiner trinkfesten, aus Australien Zugereisten schlicht Kangaroo Valley genannt, oder Kilburn mit seinen alten Pubs voller Paddies, den irischen Gastarbeitern, oder London-Whitechapel, wo manche Gasse längst zum einladenden Souk wurde ...