„Pornographie“ am Anfang, „Blasphemie“ am Schluß – und dazwischen ein Lehr- und Schaustück

Von Heinz Josef Herbort

Hegel hatte die Welt noch von oben herab betrachtet: die materielle Natur als das „Anderssein“ der „Idee“. Ludwig Feuerbach aber und, ihm folgend, Karl Marx hatten sich als „umgestülpte Hegelianer“ verstanden: die materielle Wirklichkeit als das Erste, als die einzig echte und entscheidende Realität – mit der Konsequenz, daß Ethik und Ästhetik, Recht und Religion und Kultur „Epiphänomene“ sind, Begleiterscheinungen.

Hegel hatte noch von einer „Selbstentfremdung des Geistes“ gesprochen und Freiheit dort gesehen, wo „natürliches Wollen“ und „individuelle Willkür“ „aufgehoben“ sind in einem „ideell Richtigen“. Ludwig Feuerbach dagegen hatte dekretiert: „Das Menschliche ist das Göttliche“, Karl Marx schließlich den Menschen selber als „entfremdet“ gesehen, den Arbeiter gegenüber dem Produkt seiner Arbeit wie dem Akt der Produktion – Tätigkeit als Leiden, Leben als eine „wider ihn selbst gewendete, von ihm unabhängige, ihm nicht gehörige Tätigkeit“.

War der Richard Wagner des „Tannhäuser“, der in der selbstlosen, „ideellen“ Liebe die Erlösung finden läßt („Nimm hin, o nimm mein Leben! Ich nenn es nicht mehr mein!“), ein später Hegelianer? Oder folgte er mehr Feuerbach und dessen Sensualismus, der Religiosität als selbstentfremdendes Hoffen auf eine bessere Welt enttarnt („Von der Verheißung lügnerischem Klang, der eiseskalt mir durch die Seele schnitt, trieb Grauen mich hinweg mit wildem Schritt!“)? Ist Tannhäuser gar ein erster dialektischer Materialist marxscher Prägung, der weiß, daß seine künstlerische Existenz durch gesellschaftliche Normen und Zwänge entfremdet wurde?

Harry Kupfer, der schon in seiner Bayreuther Inszenierung von Wagners „Fliegendem Holländer“ das Bühnendrama als Projektion, dort der Senta, inszeniert hatte, geht in seiner jüngsten Wagner-Regie an der Hamburgischen Staatsoper noch einen Schritt weiter – und kann sich dabei, wie für die „spiralförmige“ Erzählung des „Ring“-Zyklus in Bayreuth, auf Hans Schavernoch stützen, den zur Zeit wohl phantasievollsten wie intellektuell markantesten Bühnenbildner. Die beiden entwinden die Bühnenfiguren dem Mythos, holen sie für die Menschlichkeits-Diskussion zurück und graben die Wurzeln unserer ethischen Entfremdung aus.

Gleich zu Beginn ein starkes Bild. Da rücken zwei Wände aufeinander zu, zwei Schenkel eines Winkels, und sie drohen einen zwischen ihnen hin und her irrenden Menschen zu zerquetschen – im letzten Moment gelingt dem der rettende Sprung in die (scheinbare) Freiheit. Das Individuum zwischen Sinnlichkeit und Konvention, zwischen komplexer Selbstverwirklichung und moralischer Selbstentfremdung – denn das sind die beiden „Welten“ hinter den Wänden: hier der „Venusberg“, dort die „Wartburg-Gesellschaft“.