Von Hansjakob Stehle

Budapest, im März

Zwischen Kameras und Computern, die den Kontakt mit handgekurbelten Dorftelephonen verweigerten, fieberten in der Hauptstadt Budapest die Profis von Politik und Presse nächtelang einem Ergebnis entgegen, dessen Kern doch jeder schon vorher kannte: Ungarn hat die Freiheit gewählt – sei es unter dem Namen des konservativen Demokratischen Forum, das die meisten und doch nur ein knappes Viertel der Stimmen gewann, sei es im Gewand des sozialliberalen Bundes Freier Demokraten mit zwanzig Prozent.

Sogar die ehemaligen Kommunisten, die hier früher als anderswo im Sowjetimperium und ohne Druck einer Volksbewegung dieser Freiheit den Lauf ließen, sind jetzt mit zehn Prozent dabei – um nur zwei Prozent schwächer als jene Kleinlandwirte-Partei, die aus Kolchos-Mitgliedern wieder Großbauern machen möchte. Läßt sich aber nach 43 Jahren Entwöhnung ein parlamentarisches System von Parteien (die ja in Ungarn nicht wie in der DDR das Gütesiegel eines großen westlichen Bruders haben) so einfach mit dem Stimmzettel funktionsfähig machen? Entsteht übers Wochenende eine regierbare Demokratie?

Im Zweifel daran fühlte sich bestätigt, wer an diesem Wahlsonntag Budapest, die prächtig schillernde Donaumetropole, verließ und in verschlafenen Kleinstädten wie in armseligen Dörfern der ungarischen Puszta die – auch politische – Öde zu spüren bekam. Sie ließ fast nirgendwo die medienwirksame Volksfest-Stimmung entstehen, die einige frischgebackene (oder auch altbackene) Politiker für sich organisierten. Hier war auch die spärlich-sparsam ausgesäte Wahlpropaganda auf ausgetrockneten Boden gefallen. Nicht fröhlich entschlossen, eher verlegen und ratlos betraten die Leute die Wahllokale und nahmen die beiden Zettel entgegen; ein Drittel der 7,8 Millionen blieb zu Hause. Ein für Neulinge allzu ausgeklügeltes Wahlgesetz – mit einer Mischung aus Verhältnis- und Mehrheitswahlrecht – verlangte ihnen mehr ab, als die eher anspruchslose Wahlpropaganda ihnen zugetraut hatte. Kopfschüttelnd standen schwarzgekleidete alte Bäuerinnen vor Plakaten wie jenem, auf dem sich zweimal zwei küßten – oben Breschnjew und Honecker, unten zwei hübsche junge Leute. "Jetzt kann man wählen", stand zwischen den beiden Bildern, mit denen der Bund junger Demokraten – abgekürzt Fidesz – um Vertrauen warb. Aber wofür? Daß er die "Alten", die über 35jährigen aus der Politik verschwinden lassen und keiner Idee außer der Freiheit mehr trauen will. Das hat genügt, diese Partei als immerhin fünftstärkste ins Parlament gelangen zu lassen. Aber reicht das für eine seriöse Koalitionspartnerschaft?

Kein Wunder, daß es den Ungarn schwerfiel, sich im Irrgarten der 12 kandidierenden (von den 53 registrierten) Parteien, die seit kurzem erst neu- oder wiedererblüht sind, zurechtzufinden und zwischen den Personen und ihren Organisationen zu unterscheiden. "Wenn doch die Männer, die unser Land so mutig auf den neuen Weg brachten – ich meine Leute wie Németh, Horn, Pozsgay – wenn sie doch nicht in der falschen Partei wären!" stöhnte ein junger Privatunternehmer vor dem Wahllokal. Alle Umstehenden, auch solche, denen man ihr Elend ansah, stimmten ihm zu.

Gemeint war die alte kommunistische Staatspartei, die sich letzten Herbst in "sozialistisch" umtaufte und seitdem von 700 000 auf 50 000 Mitglieder geschrumpft ist. Ihr Regierungschef Miklos Németh, der 42jährige Wirtschaftsreformer, hat als einziger Kandidat der Partei im ersten Anlauf die absolute Mehrheit für ein Direktmandat erhalten – nachdem er vorsorglich erklärt hatte, er sei "nie ein Kommunist" gewesen. Sein Amt wird er dennoch – wie immer die Stichwahl am 8. April die restlichen Parlamentssitze verteilen wird – verlassen müssen. Ebenso wird es seinem Außenminister Gyula Horn ergehen, dem Mann, der es wagte, Ungarns Grenze für DDR-Flüchtlinge zu öffnen, die sowjetischen Truppen aus dem Land zu komplimentieren und mit Nato-Mitgliedschaft zu liebäugeln. Ihm half nicht einmal das Große Bundesverdienstkreuz, das ihm Minister Genscher – beim Blitzbesuch in Budapest just am Tage vor der Wahl – so freundschaftlich überreichte, so daß die ungarischen Liberalen, bei denen der Bonner Besucher auch noch schnell vorsprach, fast eifersüchtig wurden...