Von Detlef Eßlinger

Was für ein Mensch macht so einen Job? Morgens um halb vier aus dem Bett, zehn bis sechzehn Stunden Arbeit, öfters auch am Samstag oder Sonntag – und dann womöglich vom Ersparten leben. Rüdiger Krüger ist Fischer in Niendorf an der Ostsee; warum er das macht, haben er und seine Frau sich auch schon oft gefragt: „Ohne Idealismus geht’s wohl nicht.“

Vor sechs Jahren hatte Krüger noch 400 Zentner Dorsch pro Monat im Netz, davon konnte er gut leben und auch noch etwas Geld zurücklegen. Heute kommt er auf 90 Zentner, an manchen Tagen deckt der Fang nicht einmal die Betriebskosten – zum Leben zuwenig. Der Dorsch ist rar geworden in der Lübecker Bucht, und andere Fanggebiete hat Rüdiger Krüger nicht.

Wenig rentabel ist die Fischerei auch einige Kilometer weiter östlich, in der DDR. Doch die Kollegen in den Küstenorten Mecklenburgs und Vorpommerns klagen nicht so sehr über zuwenig Fisch in ihren Gewässern; was ihnen zu schaffen macht, verdeutlicht die kleine Geschichte, die Bruno Wüstenberg von der Genossenschaft in Karlshagen erzählt: Er könnte dreimal soviel Fisch liefern wie heute – wenn ihm nicht die Kisten fehlen, würden, um seine Produkte zu verpacken und zu transportieren. Tausend Kisten brauche er täglich, bekommt aber nur zweitausend pro Woche zugeteilt. Die Sorgen der Fischwirtschaft unterscheiden sich wenig von jenen der anderen Branchen in der DDR – die typischen Symptome von Planwirtschaft eben.

Seit neuestem bessert sich die Stimmung auf beiden Seiten. Den Fischern hier wie dort konnte kaum etwas Besseres passieren als Ost-West-Entspannung und Wiedervereinigung – so verschieden ihre Probleme sind, so sehr scheint die Voraussetzung für deren Lösung nun dieselbe zu sein. Die Niendorfer Fischer setzen auf künftige Fangmöglichkeiten vor Mecklenburg, die Kollegen im Osten auf neue Ökonomie. „Die Durchsetzung der sozialen Marktwirtschaft erschließt völlig neue Möglichkeiten“, sagt zum Beispiel Günther Ubl vom VEB Fischkombinat in Rostock, der gegen Ende seines Berufslebens noch die Metamorphose vom Direktor zum Manager schaffen will.

Rüdiger Krüger freut sich darauf, wieder da fischen zu dürfen, wo er bis vor dreizehn Jahren immer unterwegs war: vor der Küste von Mecklenburg. Damals wurden auf der ganzen Welt die nationalen Fischereizonen neu verteilt. Für die bundesdeutschen Fischer blieb nicht mehr viel von der Ostsee übrig. Fischereiabkommen mit den osteuropäischen Ländern gibt es bisher nicht, und an der deutsch-deutschen Grenze war deshalb für Krüger Schluß.

Die kleinen Familienbetriebe leben vor allem vom Dorsch, und vor den Küsten der DDR, Polens und der Sowjetunion soll es noch genug davon geben. Die Niendorfer Fischer erzählen von Kollegen, die heimlich dorthin gefahren seien – und dann mit einem Zug sechzig Kisten Dorsch an Bord gehievt hätten. „Bei uns sind es vielleicht zehn oder zwölf.“ Lothar Fischer, der Geschäftsführer des Deutschen Fischereiverbandes, sagt: „Freier Zugang zur östlichen Ostsee, das wäre ideal.“