Von Gunter Hofmann

Zu einem "Härtetest erster Güte" werde die Bundestagswahl im Dezember für die Union und für den Kanzler. Und Oskar Lafontaine sei für Kohl ein schwierigerer Gegner, als es Johannes Rau im Jahr 1987 war. Heiner Geißler, der das Wahljahr so einschätzt, ist ein erfahrener Wahlkämpfer.

Allerdings sieht der Ex-Generalsekretär der CDU, wie er schreibt, auch Chancen für seine Partei. Sie müsse die Wahlen zu einer Volksabstimmung darüber machen, rät der sechzigjährige in seinem Erstling, "wer das künftige vereinigte Deutschland regieren soll". Ein Pluspunkt für die Union sei dabei, ihre wirtschaftliche Kompetenz mit der nationalen verbinden zu können und vielleicht sogar soziale Autorität zu gewinnen. Ein anderer Pluspunkt sei die Alternative zur Union – eine andere Koalition für die SPD als die mit den Grünen sei politisch nämlich nicht möglich.

Geißler kann es eben nicht lassen, Politik als große Wahlkampfinszenierung zu betrachten. Aber er hat auch ein hohes Talent, politische Verhältnisse und Linien zu klären und Einsichten prinzipiell zu begründen.

Es sollte im Jahr 1990 nicht nur eine deutschnationale Auseinandersetzung darüber geführt werden, meint er, "wer das nationale Thema am lautesten anschlagen kann, da beide großen Parteien die staatliche Einheit wollen". Relativ unverhohlen gibt Geißler damit zu erkennen, daß es ihm – anders als Helmut Kohl – richtig erschiene, im Vereinigungsprozeß gemeinsame politische Positionen mit der SPD zu suchen.

Er spricht sogar von "konstruierten Gegensätzen". Dabei spürt man die Sorge heraus, die "psychologischen Sprengsätze" könnten gezündet werden und der Union schaden, die in Lafontaines Haltung zur deutschen Frage stecken.

Zugleich allerdings knüpft der Autor damit an eine Position an, die er zuletzt auch als Generalsekretär verteidigte. Je mehr sich beide Volksparteien den bislang vernachlässigten Schlüsselproblemen (Ökologie, Dritte Welt, Abrüstung, soziale Gerechtigkeit) widmen, um so mehr könnten die traditionellen Unterschiede verblassen. Sei’s drum, sagt Geißler. Aber Helmut Kohl sagt das nicht. Er möchte weiterhin lieber Gegensätze wahlkampfgerecht konstruieren als das Risiko eingehen, daß man sich über Sachfragen zusammenrauft.