Von Werner Vennewald

Draußen tobt der Sandsturm. Die trockene Luft reizt zum Husten. Dabei ist dies nur ein kleiner Sturm, meint Buerdan, der Kamelführer. Klein, aber fein. Selbst durch die geschlossenen Fensterläden dringt der Staub und füllt Auge, Nase und Ohr. Man schmeckt die Wüste förmlich.

Buerdan lacht. An dieses neue Gewürz müßten wir uns schon gewöhnen. Gelassen taucht er einen seiner chappatis in das Linsengericht. Sand sei nun mal das Salz im dal des Wüstenmenschen. Und von dal, der landestypischen Linsenmahlzeit, dem

Fladenbrot chappatis und Sand sollten wir noch genug bekommen in den nächsten Tagen.

Uns hatte es nach Jaisalmer verschlagen. Jaisalmer. Dieses Wort geisterte durch alle Gespräche der Reisenden, die wir in Rajasthan oder sonstwo in Indien trafen. Jaisalmer. Die Augen glänzten und die Sprache wurde farbig. Also machten wir uns auf den Weg.

Von Jaipur, im Norden Indiens nahe der Grenze zu Pakistan, sind es bis Jaisalmer etwa 600 Kilometer mit der Bahn Richtung Nordwest – in Indien ist das eine Reise von 24 Stunden. Wenn alles gutgeht. Die letzten 290 Kilometer von Jodphur legten wir am Tage zurück und bekamen so einen Vorgeschmack auf eine Landschaft, die uns die nächsten Tage umgeben sollte. Zunächst rotbraun und später dann graugelb wird das Land, je weiter man sich von Jodphur entfernt. Ein blaßblauer, von weißen Schleiern durchzogener Himmel überspannt die leere Weite. Stilles Land. Heißes Land. Wüstenland.

Am nächsten Morgen auf der Dachterrasse unserer Pension in Jaisalmer sieht alles ganz anders aus. Noch ein wenig verschlafen schauen wir in eine Welt, die einem Traumbild gleicht. Vor uns erhebt sich mächtig und imposant ein Bollwerk aus gelbem Sandstein. Wehrgänge und Schießscharten, Türme und verzierte Erker blicken auf uns herab. Goldfarben erstreckt sich vor unseren Augen die Altstadt. Stimmen dringen aus den Gassen zu uns herauf, fremdländische Töne, unterbrochen vom Feilschen der Händler und Hausfrauen. Eine indische Stadt erwacht. Die heraufziehende Sonne verscheucht die Schatten der Nacht, den Mond und unsere Müdigkeit. Wir sind in Jaisalmer, einem Handelsposten für die Nomaden der Wüste Thar.