Der Bonner Diplomat Dieter Kastrup bereitet sich auf schwierige Monate vor

Von Gerhard Spörl

Der deutsche Diplomat ist ein kollektives Wesen, das als Einzelmensch nur selten hervortritt. Sobald er die Ausbildungsstätte hinter sich läßt, fällt er jenem eigenartigen Lebensrhythmus anheim, der ihn im Drei-Jahres-Takt von Posten zu Posten treibt, mal im Ausland, mal in Bonn. Als gesellschaftliches Wesen bewegt sich der Diplomat vorwiegend unter den Crew-Kollegen, mit denen er als junger Attache gedrillt worden ist, um langsam in den distinguierten Anzug des Vortragenden Legationsrates erster Klasse hineinzuwachsen.

An wenigen Beispielen läßt sich nachzeichnen, wie die Diplomaten den Normen folgen und sie gleichzeitig außer Kraft setzen. Dazu gehört Dieter Kastrup. Er ist der Unterhändler der Nation. Von seinem Geschick und seinen Fähigkeiten hängt es auch ab, wie sich die Gespräche wenden, die „zwei plus vier“ heißen und in denen die internationale Einbindung des geeinten Deutschlands verhandelt wird. Kastrup verkörpert klassisches Beamtentum in moderner Prägung. Er legt großen Wert auf seine innere Unabhängigkeit und hat es verstanden, sie zu wahren. Das bedeutet etwas in einem Haus, das seit anderthalb Jahrzehnten im Joch desselben Ministers geht, der unter Loyalität auch starke Selbstverleugnung und Selbstausbeutung versteht.

Kleine Heldenbiographie

Kastrup hat Karriere durch Können gemacht; Glück war dabei, doch keine Protektion. Ein hausinterner Nimbus ist daraus entstanden, dem man als Beobachter ein bißchen ungläubig nachspürt. Keine Neider, kein Geraune, keine Überanstrengung, einfach zu schön, um ganz wahr zu sein. Wo, bitte, bleibt das Negative? Auch so, immerhin, kann ein deutscher Diplomat sein: selbstbewußt und locker, voller Geistesgegenwart und humorig, mit einem Penck- und einem Roth-Gemälde aus eigenem Besitz im Amtszimmer, immer zügig voran bis zum Politischen Direktor und ohne die andere Tiefe des Charakters, die aus Brüchen, verlorenen Illusionen und partiellem Versagen entsteht.

Die kleine Heldenbiographie setzt ein im Jahre 1937 in Bielefeld. Kastrup ist Sohn eines Steuerberaters, der kurz nach der Kapitulation an den Folgen eines Kriegsleidens starb. Seine Mutter, Lehrerin ohne das erforderliche Examen, schlug sich als Sekretärin durch. Ihre beiden Kinder wuchsen bei den Großeltern auf. Dieter Kastrup entwickelte sich zur Erich-Kästner-Figur, dessen vaterlose Knaben ihren Drang zur Leistung und Selbstbehauptung aus dem inneren Verbot beziehen, die Nächsten zu enttäuschen. Mit leuchtenden Augen erzählt Kastrup heute noch über den Eros, „eine anständige Leistung zu erbringen“. Dem Durchschnittsbild des Beamten entspricht er nicht. Aber er teilt die Überzeugung, daß der Mensch sich erst als Funktionsträger zu voller Größe erhebt.

Was der Musterknabe anpackte, führte er zügig und mit Auszeichnung zu Ende. Er studierte Jura. Das erste Semester in Köln fiel ins Jahr 1956: „Eine ambivalente Zeit, widersprüchlich geprägt vom Streben nach materiellem Erfolg und der Erinnerung an das Kriegsende und Auschwitz.“ An der Universität wurden die Filme vorgeführt, die amerikanische Soldaten bei der Öffnung der Konzentrationslager gedreht hatten. Dazu kamen Dokumentationen über Verhandlungen vor Freislers Mordgerichtshof und Diskussionen in der Evangelischen Studentengemeinde. Jugendliche Trauerarbeit in den Fünfzigern: Darauf geht die moralische Substanz deutscher Außenpolitik zurück, verdinglicht in der Rücksichtnahme auf Gefühle und Interessen der ehemaligen Kriegsgegner, wie sie Kastrup vertritt.

Der Übergang zum Diplomaten vollzog sich unromantisch. Kastrup ging auf Posten nach Teheran. Zurück in Bonn schaute er Günther van Well bei den Verhandlungen über das Viermächteabkommen über die Schulter. Spuren hinterließen die fünf Jahre an der deutschen Botschaft in Washington. Am amerikanischen Leben imponierte dem Westfalen, der sich allzu früh zu Ernst und Verantwortung diszipliniert hatte, die unnachahmliche Mischung aus Herzlichkeit und Oberflächlichkeit. Am amerikanischen Gemeinwesen gefällt ihm nach wie vor das Zusammenspiel von Innen- und Außenpolitik. Daß beides zusammenhängt, auf Gedeih und Verderb, hält er nicht für unanständig.

Eine Biographie ohne Leerlauf, für Trubel und Ungewöhnliches ist immer gesorgt. Kastrup kam Anfang der achtziger Jahre zurück nach Bonn und zu den „Deutschland- und Berlin-Angelegenheiten“ seiner Anfänge. Er mauserte sich zum Fachmann für Osteuropa. Alles fügte sich mit allem, als Kastrup vor anderthalb Jahren zum „D ZWO“ aufstieg, zum Politischen Direktor, dem wohl interessantesten und einflußreichsten Beamtenposten, den das Auswärtige Amt zu vergeben hat und der seine Inhaber frißt wie kein anderer. Der „D ZWO“ übt Verantwortungsimperialismus aus. Er ist zuständig für die Ostpolitik und die Westpolitik; wo die Nato oder die KSZE tangiert sind, ist er mit von der Partie; er gehört zum kleinen elitären Zirkel, in dem die Außenpolitik der EG auf einen gemeinsamen Nenner gebracht wird. Selbstverständlich hat Kastrup das Ohr Genschers – will sagen, sobald der Außenminister an wichtigen Orten zu weilen beliebt, erwartet er seinen Politischen Direktor an seiner Seite. Andere Staaten haben vernünftigerweise das Politische Direktorat auf zwei Amtsinhaber verteilt. Anders die Deutschen. Die Vorgänger Kastrups erreichten allesamt irgendwann den Zustand der Erschöpfuig. Diese Erfahrung steht ihm drohend bevor.

Langwieriger Prozeß

Als Unterhändler der Nation ist Kastrup zweimal in Erscheinung getreten. Zuerst trafen sich die beiden deutschen Staaten, die in den Konsultationen „zwei plus vier“ ein ungleiches Duo bilden. Den DDR-Spitzendiplomaten der alten Regierung ging der Einigungsprozeß wider die Natur. Ihre Nachfolger lassen noch auf sich warten. Die Ungleichheit wird bleiben.

Kastrup genießt den Vorzug, daß er seine britischen, französischen, amerikanischen und russischen Gegenüber bereits kennt. Formal gilt, daß die Beamten lediglich für „das Prozedurale“ Verantwortung tragen, während sich die Außenminister die Substanz vorbehalten. Doch diese Unterscheidung ist überaus akademisch. Jedes Detail ist symbolisch aufgeladen, jede Verfahrensfrage ist hochpolitisch: wo man sich trifft (keinesfalls im Alliierten Kontrollrat, möglichst aber auf deutschem Boden), wer die Verhandlungen führt (Rotationsprinzip), wie und wann Polen hinzugezogen wird. Die deutsche Delegation bewies Geschick darin, das Heft in die Hand zu bekommen, ohne die ehemaligen Siegermächte vor den Kopf zu stoßen.

Als die Mauer plötzlich gefallen war, erinnert sich Kastrup, lag die Gefahr ja durchaus nahe, daß die Alliierten die „äußeren Aspekte“ der deutschen Einigung alleine regeln würden. Wem dann die Idee einfiel, die zwei mit den vieren an einen Tisch zu setzen, darüber darf gestritten werden. Für den Durchbruch sorgte wohl das Drei-Stunden-Kamingespräch, das James Baker und Genscher in Washington führten. Der amerikanische Außenminister überzeugte die widerstrebenden Engländer, Franzosen und Russen.

Vorläufig gibt es Denk- und Planspiele satt. Kastrup ist überzeugt, daß auch die vier nicht über Umrisse und Anfangsüberlegungen hinaus sind. Darin muß kein Nachteil liegen. Die internationale Einbindung entsteht als Produkt eines Prozesses.

Soweit es nach den Deutschen geht, soll sich „zwei plus vier“ zunächst auf die vollständige Ablösung der alliierten Rechte konzentrieren, wobei Bonn die polnische Westgrenze ein für allemal garantieren wird. Für die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs steht der militärische Status des vereinten Deutschlands am Anfang und am Ende. Davon sind die Wiener Verhandlungen über das konventionelle Gleichgewicht betroffen. In Wien geht es vermutlich wieder leichter vorwärts, sobald die Außenminister eine Lösung für die Sicherheitsfrage anpeilen. Eine wichtige Zäsur bildet daneben der Sommer-Gipfel zwischen Bush und Gorbatschow. Isoliert lassen sich die „zwei plus vier“ also nicht betrachten. Sofern es gut geht, wird das Ergebnis im Herbst auf dem KSZE-Gipfel präsentiert.

Welche Ergebnisse unerwünscht sind, ist kein Geheimnis. Eine deutsche Neutralität kommt nicht in Frage. Die Ausdehnung der Nato nach Osten ebensowenig: Die Genscher-Maxime, daß Deutschland dem westlichen Bündnis angehören soll, ohne daß dessen Soldaten auf dem Gebiet der dann ehemaligen DDR stehen, erfreut sich fast allgemeiner Anerkennung, Ausnahme: die Sowjetunion. In der Bonner Generaleinschätzung geht Moskau desto eher darauf ein, je klarer die Konturen einer europäischen Friedensordnung erkennbar werden. Ein Friedensvertrag stößt auf harten deutschen Widerstand. Im berühmten Artikel 7 des Deutschlandvertrags von 1952 steht die Wendung, daß Deutschland und seine ehemaligen Gegner eine „frei vereinbarte friedensvertragliche Regelung für ganz Deutschland“ anstreben. Von dem Unterschied zwischen einem Friedensvertrag, der Deutschland als Anzettler und Verlierer des Krieges mit allen Konsequenzen behandelt, und einer Friedensregelung, die zwischen Gleichen auf dem Stande der Gegenwart zustande kommt, hängt viel ab.

Mit seinem Minister lebt Kastrup derzeit in großer Eintracht. Seine Denkfabrik produziert unablässig Erwägungen und Empfehlungen, die den jeweils neuesten Stand der Entwicklung zu erfassen trachten. Dies sind die verzehrendsten Tage, die das Leben einem deutschen Diplomaten bietet, dies sind seine schönsten Tage. Und Kastrup wirkt stabil genug, sie nicht nur zu erleiden, sondern auch noch zu genießen.