Ist Bildung Ballast? Behindert sie das Originalgenie? Der alte Konflikt zwischen dem Wildwuchs der Natur und dem Gehege der Kultur läßt sich auch an literarischen Beispielen der italienischen Moderne verifizieren. Ein neuer Humanismus setzt seine Zeichen. Der gelehrte Autor beruft sich auf Vorbilder; die sogenannte Aktualität meidet er; er zieht es vor, seine Kunst an überlieferten Modellen zu erproben; doch übernimmt er sie in der Absicht von Veränderung, von Inquisition. Giorgio Manganelli, dieser heitere Apokalyptiker, führt die Tradition eines skeptischen Üniversalismus fort; ihr haben auch Alberto Savinio und Guido Morselli Rechnung getragen. Die Wiederentdeckung von Tommaso Landolfi in Deutschland — erstmals waren 1966 seine "Erzählungen" ("Racconti") in einer Auswahl der Bibliothek Suhrkamp erschienen — gehört in diesen Zusammenhang. Die von Italo Svevo besorgte zweibändige Edition von Landolfis erzählender Prosa — "Nachtschatten" und "Mailand gibt es nicht" ("Le piü belle pagine di Tommaso Landolfi") — liefert eine brauchbare Basis für Nachforschungen über einen Autor, der selbst auf eine Mitgliedschaft im Geheimbund literarischer Einzelgänger Anspruch erhoben hat. Auch Landolfis erster, 1937 entstandener und 1939 in Italien veröffentlichter Roman "La pietra lunare" liegt unter dem Titel "Der Mondstein" jetzt deutsch vor; ebenso die 1950 im Original herausgekommene Erzählung "Cancroregina" ("Die Krebskönigin") und "Racconto dautunno" ("Herbsterzählung") aus dem Jahr 1947. Auf weitere Übersetzungen hoffe ich; ich denke besonders an Landolfis Tagebuch "Rien va" (1963).

Von einer unbekannten Größe kann also nicht mehr die Rede sein, obwohl die biographischen Daten dürftig sind. Denn was wissen wir schon: Landolfi, der aus süditalienischem Landadel stammt, wurde 1908 in Pico (Latium) geboren; er ist 1979 in Rom gestorben; in Florenz hat er Literatur und Slawistik studiert; etwa dreißig Bücher sind im Lauf der Jahre erschienen — Romane, Erzählungen, Essays und Dramen. Landolfi ist als Übersetzer von Tolstoj, Dostojewski, Gogol, Puschkin, von E T A. Hoffmann und Novalis, Merimee und Charles Nodier in Italien bekannt geworden. Zeit seines Lebens hat Landolfi sich geweigert, vor den Kameras der Television zu posieren; nie hat er Interviews gewährt; seine italienischen Verlage durften keine Klappentexte auf den Schutzumschlägen abdrucken. Landolfi war keine öffentliche Person.

Wer sich für den Autor interessiert, muß sich mit der Grundsituation eines Erzählers vertraut machen, der, nur leicht maskiert, in allen Geschichten wiederkehrt: "Ich war einsam und verzweifelt. Meine hohen Spielverluste und bittere Enttäuschungen in der Liebe, ganz zu schweigen von allem anderen, hatten mich in das alte Haus im Dorf meiner Väter verbannt. Hoffnung hatte ich keine: Es war dies nicht die Ausnahme in meinem Leben, sondern die Regel. Ein — mein — tiefverwurzeltes Unvermögen hinderte mich daran, irgendeine Arbeit zu tun. Ich hegte einen wahnwitzigen Plan, beschäftigte mich in Gedanken damit, wie ich ihn ausführen könnte. Bald sollte es geschehen, jeden Tag wurde es unausweichlicher. Die Welt schien mir ohne Sinn und, wenigstens für mich, ohne Zukunft. Ich bereitete mich darauf vor — versuchte dies zumindest —, sie zu verlassen "

In diesem Monolog der Erzählung "Cancroregina" sind nahezu alle Symptome genannt, die das Krankheitsbild des Helden bei Landolfi bestimmen. Der Protagonist ist der Typus des Verlierers; weder im Spiel noch in der Liebe hat er Glück; selbst wenn er formal den Status eines Ehemanns haben sollte, ist seine Mentalität die eines ewigen Junggesellen; große alte Herrschaftshäuser, in denen er zumeist allein oder mit einer Magd residiert, sind sein Domizil. Er lebt vom Ertrag seiner Güter, nicht von seiner Hände Arbeit. Ist er ein Müßiggänger? Er macht Projekte, die sich der Ratio entziehen und den Leser ins Reich der Phantasie entführen. In seinem Nihilismus spielt Landolfis Alter ego auch mit dem Gedanken an Selbstmord; doch bleibt es beim philosophischen Suizid — der Tod als Möglichkeit, das Leben zu steigern.

Der Gedanke liegt nahe, Landolfi als einen Hermetiker zu bezeichnen; eine Etikettierung, die nur partiell richtig wäre. Denn die Mord- und Horrorgeschichten Landolfis sind zumindest in einer oberflächlichen Lesart — sozusagen im ersten Durchgang — leichte Kost; ein Vergleich mit den Kriminalerzählungen von Friedrich Dürrenmatt drängt sich auf. Eugenio Montale meinte, daß Landolfi im Schreibvorgang sich selbst übersetze und dabei das Original in sich verborgen halte. Das ist eine plausible Erklärung für eine Grundhaltung des Erzählers, der als Stimme hinter dem Vorhang vernehmbar wird und als Voyeur zwar sieht, aber nicht gesehen wird.

Das adelige Landleben kennt Landolfi aus eigener Anschauung; ihm und seinen verdrängten Leidenschaften ist er auch in der Erzählung "Nachtschatten" auf der Spur; als Lauscher hinterm Paravent wird der Chronist zum Zeugen von intimen Unterhaltungen, vom Zweikampf zwischen Gier und Konvention. Da findet ein Spiel im Spiele statt; eine aristokratische Gesellschaft hält einen der ihren zum Narren, indem sie ihm Gespenster vorgaukelt; am Rand dieser Opera buffa sucht Lorenzo die halb widerstrebende, halb willige Marta zu verführen.

Die Oper steigert sich zum Melodram. Marta gibt sich hin, erschießt aber Lorenzo unmittelbar nach dem Liebesakt. Wahrhaftig ein hoher Preis für das ins primae noctis: Warum Marta zur Mörderin werden muß, weiß sie selbst nicht Überhaupt: Keiner der Beteiligten ist sich darüber im klaren, wo der Ernst beginnt und wo das Spiel aufhört; nur der Außenseiter, der zufällig ins Haus Geschneite weiß wirklich Bescheid und gelangt in den Besitz der Wahrheit. Aber er schlägt kein Kapital daraus; würde er die Polizei benachrichtigen, müßte er selbst Farbe bekennen, Und wer glaubt schon einem mutmaßlichen Täter? Landolfis Erzähler tut gut daran, verschwiegen zu bleiben; sein Neutralismus entpuppt sich als ein Lebensprinzip; daraus zieht er seine Rechtfertigung auch gegenüber dem Leser: "Kann man vielleicht dieser Geschichte nicht entnehmen, daß es nicht meine Art ist, mich in anderer Angelegenheiten zu mischen? Die Menschen doch wenigstens ihrem eigenen Schicksal zu überlassen, erschien mir schon immer als anständigste und vernünftigste Regel "