Dr. Paul Jordan, geboren 1883, gestorben 1940 in Heidelberg, seit 1919 im badischen Justizdienst, zuletzt bis 1935 Amtsgerichtsrat in Mannheim, 1935 mitten aus der Sitzung aus dem Amt gejagt. Selbstmord im Zustand depressiver Verzweiflung Diese entsetzliche Kurzbiographie eines Juristenlebens, das in die NS Herrschaft hineinreichte, steht mit 500 anderen bewegenden Mini Biographien deutsch jüdischer Juristen in einem immer noch und immer wieder aufwühlenden, Entsetzen verursachenden Buch. Der heute 74 Jahre alte ehemalige Stuttgarter Richter Horst Göppinger hat es verfaßt. Von einem Juristen für Juristen geschrieben, in der spröden Sprache deutscher juridischer Tradition, in penibler Einteilung, mit Tausenden Belegen und Fußnoten, mit drei sehr brauchbaren und akkurat gearbeiteten Registern, mit scheinbar strohtrockenen Hinweisen auf Gesetze und Verordnungen — und doch: ein zutiefst zu Herzen gehendes, deprimierendes, aber für die Selbstreinigung des Standes vielleicht entscheidendes Buch. Es enthüllt die ganze Schande der deutschen Juristenschaft zu Beginn des "Dritten Reiches", ihre Torheit, ihren Opportunismus, ihre Grausamkeit und Herzlosigkeit. Von Courage ist da nicht zu reden, für irgendeinen Mut fehlte die Basis. Durch das mit großer Sorgfalt zusammengetragene Material ist es dem Leser des Bandes von Horst Göppinger:

Juristen jüdischer Abstammung im Dritten Reich Entrechtung und Verfolgung; zweite, völlig neu bearbeitete Auflage; Verlag C H. Beck, München 1990; XVIII + 435 S , 78 - DM unmöglich, irgendwo die bitteren Sachverhalte vor allem des Jahres 1933 anzuzweifeln: Der Verfasser ist überall bis zur Pingeligkeit präzise und überaus seriös.

Göppinger, bis 1979 Richter am Oberlandesgericht Stuttgart, ein Praktiker des Familien- und Ehescheidungsrechts, ist unter Juristen wegen seiner Anmerkungen im "Staudinger", einem dicken BGB Kommentar, und vor allem wegen seines Klassikers über Scheidungsvereinbarungen bekannt. In Anerkennung seiner Arbeiten im Familienrecht erhielt er vom baden württembergischen Ministerpräsidenten die Ehrenprofessur. Der Richter hatte, unter Mitarbeit des Journalisten Johann Georg Reißmüller, dieses Projekt, nämlich das schmachvolle Unrecht seines Standes darzustellen, bereits 1963 mit einem 172 Seiten umfassenden Bändchen im Ring Verlag unvollkommen verwirklicht. Unvollkommen, weil das Buch nur in 2000 bis 3000 Exemplaren erschien — unter dem Titel "Die Verfolgung der Juristen jüdischer Abstammung durch den Nationalsozialismus" — und schnell vergriffen war. Unvollkommen auch, weil Anfang der sechziger Jahre das Unrecht an den Juden allgemein stark verdrängt und ignoriert wurde, so daß Fakten für ausgedehnte Darstellungen schwer zu ermitteln waren. Daher erscheint die Schrift von damals in kaum einer der vielen Abhandlungen über die Verfolgung der Juden, die inzwischen gedruckt wurden. Sie geriet fast völlig in Vergessenheit. Immerhin war das Büchlein bis in die achtziger Jahre die einzige Juristenschrift, die sich mit den Einzelschicksalen jüdischer Kollegen befaßte.

Horst Göppinger hat nun den furchtbaren Spiegel, den er damals dem Juristenstand in wenigen Exemplaren vorhielt, noch einmal nachgeschliffen und vergrößert. Ein ganz neues Buch mit einem neuen Titel ist entstanden, und es erschien in einem potenten Verlag, der dem wichtigen Werk die verdiente Verbreitung sichert. Das ist um so verdienstvoller, als der rechtswissenschaftliche Teil des Münchner Beck Verlages in seinem eigenen Buch durchaus als Verfolgungsgewinnler beschrieben ist: Göppinger scheut sich nicht, in dem Kapitel "Maßnahmen gegen Zeitschriften und Verlage" den fragwürdigen Erwerb des juristischen Fachverlages Otto Liebmann mit Namen zu nennen: "Der Verlag geht am 15 12 1933 in den Besitz der C H. Beckschen Verlagsbuchhandlung über Otto Liebmann, der seinen renommierten Verlag weggeben mußte, weil er Jude war, lebte in Berlin. Don starb er am 13. Juli 1942. Bei seinem Begräbnis waren nur seine beiden Töchter und Professor Leo Rosenberg anwesend, der die Gedächtnisrede hielt. Der Sohn Liebmanns war bereits nach Ecuador emigriert; die beiden Töchter Liebmanns wurden später im KZ Auschwitz ermordet. Daß dieser schandbare Sachverhalt erwähnt und nicht gestrichen wurde, ist dem Verlag C H. Beck hoch anzurechnen.

Nicht Göppingers Literatur über das Scheidungsrecht, sondern dieses Buch muß als der Kern des Lebenswerkes von Horst Göppinger betrachtet werden. Es exemplifiziert für eine akademische und außerdem staatstragende Schicht, was sie angesichts der NS Welle mit jenen Mitgliedern gemacht hat, die aus einem absurden Rassenwahn, aus Opportunismus und Feigheit plötzlich verfemt werden sollten und deshalb auch wirklich, aufs schäbigste und herzloseste, ausgestoßen wurden. Das Werk arbeitet das Juristen Unrecht, bei den Rechtsbeflissenen besonders schwerwiegend, auf. Freilich kriegt Göppinger dafür keine Ehrenprofessur, denn Juristen nehmen diese schmähliche Vergangenheit ihres Berufsstandes äußerst ungern zur Kenntnis. So sträuben sich manche Gerichtsbibliotheken jetzt wieder, dieses eindringliche Buch in ihre Regale zu stellen.

Was angesichts der typisch juristischen Diktion und Darstellungsweise frappiert, ist die eindeutige Parteinahme Göppingers für die Entrechteten und Verfolgten. Er läßt sein Entsetzen und seine Fassungslosigkeit immer wieder durchschimmern. Alles andere wäre zwar angesichts der Gemeinheiten und Verbrechen, denen diese Mitbürger ausgesetzt waren, wenig glaubhaft, aber der Leser solcher Bücher kennt es anders: In der Tradition des deutschen Nachkriegs Juristenstandes ist die steinerne, achselzuckende Darstellungsweise der NSVergangenheit, ist die Tendenz zur Entlastung und Entschuldigung durchaus vorherrschend. Nicht so bei Göppinger, der aus seiner Fassungslosigkeit und seinem Mitleiden keinen Hehl macht. Er beginnt die Erörterung mit der Bemerkung, dieses Buch solle eine Dokumentation auch über Verbrechen sein, "die in der Geschichte der Menschheit ohne Beispiel sind, jedes Vorstellungsvermögen übersteigen und die niemals wieder gutgemacht werden können".

In der Einleitung stellt Göppinger dar, wie rasch die Juristen den neuen Machthabern entgegenkamen: Schon 1929 würdigte das Reichsgericht den Fahnenschmah "Schwarz Rot Hühnereigelb" als "offenbar bedenkenfrei"; der Deutsche Richterbund, der Preußische Richterverein und das Reichsgericht, auch der Strafrechtler und Reichsgerichtsrat Otto Schwarz begrüßten 1933 das neue Regime lebhaft; die Rechtsprechung schwenkte danach fast einhellig auf die skurrilen, verfassungswidrigen Vorgaben der Nazis um. Warnungen waren rar und gingen in der Masse unter. Göppinger teilt die Aktionen der NS Machthaber ein: gesetzliche Maßnahmen, Gewaltakte, Boykott jüdischer Anwälte und Richter, Ermordung jüdischer Anwälte 1933 und 1934. Es lief also bürokratisch juristisch, mit Straßenterror und individueller Nötigung kombiniert. SA Horden zerrten Richter und Anwälte aus ihren Amtsräumen, und von oben kamen feige Ratschläge, den Abschied einzureichen oder das Gericht nicht mehr zu betreten.