Seitenlang ist der Riese KARAK, um den sich alles dreht in Willi Toblers Geschichte, nicht zu sehen. Und doch recken Menschen und Tiere angstvoll ihre Köpfe in die Höhe zur schneebedeckten Kuppe des Berges, auf dem KARAK haust. Man sieht den Berg qualmen, wenn KARAK seine Pilzsuppe kocht, oder seine Fußstapfen auf den Weiden, wenn er sich ein paar Fuder Heu gestohlen hat — man weiß, er ist da. Niemand im Dorf wagt es, sich den Riesen Ansprüchen zu widersetzen — wie das mit Übermächtigen so ist: Man akzeptiert sie zähneknirschend, weil man sie fürchtet.

Tschaggomo jedoch, der Zuckerbäcker des Dorfes, hat es satt, tatenlos zuzusehen, wenn KARAK einmal im Jahr aus allen Häusern die Süßigkeiten raubt, ist doch seine Bäckerei hinterher immer am stärksten verwüstet. Entschlossen stellt er sich dem Riesen entgegen — und mit etwas mehr Glück als List gelingt es ihm, KARAK zu überwältigen. Wehrlos, in Fesseln am Boden liegend, erzählt KARAK Tschaggomo seine Geschichte. Staunend erfahren wir, daß er nicht mehr ist als ein zu groß geratenes Kind, das allein gelassen wurde mit seinen Riesen Problemen "Iß, mein Kind, damit du groß und stark wirst!" Mit diesen Worten hatte KARAKs Mutter ihn gemästet — bis er ihr über den Kopf wuchs. Und je größer er wurde, desto einsamer wurde er. Tschaggomo wurde nicht ohne Hintergedanken von Willi Tobler in ein Land versetzt, in dem das Wünschen noch zu helfen scheint. So kann er KARAK vertrauen, er nimmt ihn mit ins Dorf, sucht Aufgaben für ihn, die seinen Fähigkeiten und Ausmaßen entsprechen (zum Beispiel ohne Leiter Dächer reparieren oder die Zeiger der Kirchturmuhr stellen) — und siehe da: So unter die Fittiche der Gemeinschaft genommen, beginnt der Riese zu schrumpfen, bis er als Bäckergeselle Karak im Hause von Tschaggomo einen Platz findet, So bringt man Riesen auf menschliches Maß. Vielleicht hat Tschaggomo (der eines Tages mit seiner Frau Biondinella in seine wärmere Heimat zurückkehren — und seinen Namen dann sicher auch wieder anders schreiben — wird) einfach mehr Sensibilität für die Probleme des Außenseiters KARAK gehabt als die anderen Dorfbewohner.

Rotraut Susanne Berners Illustrationen scheinen wie aus einem Spielzeug Schachtel Dorf in die Seiten von Willi Toblers Märchen hineingestreut zu sein. Die scheinbar leichte und bunte Naivität, der unkomplizierte und doch genaue Strich, das lockere Layout ergänzen Toblers Geschichte wunderbar. Ein Dragee, dessen bitteren Kern man erst schmeckt, wenn man den Zuckerguß drumherum abgelutscht hat. Ein Buch, das in Sprache und Bild besticht. Renate Raecke Verlag Otto Maier, Ravensburg 1990; 17 80