Nachrufe beginnen mit einem Gefühl, einer Episode, einem Hauch von Trauer. Bei Sarah Vaughan fehlt das alles. Der eine erinnert sich an einen Konzertauftritt, der andere an ihre Bitte, das Mikrophon abzuschalten, weil es zu laut sei, und alle schwärmen von ihrer unvergleichlichen Stimme. Vielleicht liegt es daran, daß sie sich in Europa so rar gemacht hatte und die meisten sie nur von Schallplatten kannten. Vielleicht war sie aber auch zu gut, zu perfekt, und in all der Bewunderung findet die Rührung keinen Platz.

Die drei großen Sängerinnen des Jazz: Billie Holiday, Ella Fitzgerald und – Sarah Vaughan. Von ihr haben die meisten gehört. Ob sie sie gehört haben? Ihr Leben lang sang sie aus diesem Zwischenbereich, aus dem sie gekommen war, dieser Welt des Jazz aus Nachtclubs, Tanzpalästen und Hotels – kurz bevor der Bebop den Jazz in die Konzertsäle verlegte.

Die frühen Aufnahmen Sarah Vaughans zeigen, daß von dieser Trennung 1945 nichts zu spüren war. Die hektischen Improvisationen Dizzy Gillespies und Charlie Parkers gegen das warme Timbre ihrer Stimme – es waren keine Gegensätze, sondern zwei Pole der gleichen Stimmung, des Wunsches, alte Gefühle in neuer Musik auszusprechen. Ihre Stimme war ihr Instrument, und jeder akzeptierte sie als Musikerin, nicht als dekoratives Anhängsel der Männerdomäne Jazz. „Sarah sang, wie Bird und Diz spielten, und die beiden bliesen wie der Teufel! Für sie war Sarah das dritte Horn. Sie sang ‚You are my First Love‘, und Bird spielte sein Solo drüber“, erzählt Miles Davis und nennt die Dame einen „Motherfucker“. Er meint es so, genau wie alle anderen Musiker, die sie während ihrer vierzigjährigen Karriere begleitet haben.

Ihre Stimme reichte über drei Oktaven, von Alt- bis in den Sopranbereich, und daß immer wieder das gutgemeinte Gütesiegel „Opernsängerin“ herangezogen wird, muß man nicht negativ verstehen. Wesentlich war, daß sie mit zwölf Jahren als Organistin in ihrer „Zion Baptist Church“ spielte, mit Gospelmusik aufwuchs und daß die Klangvielfalt der Orgel und der Soul der Spirituals ihren Gesang prägten. Sie war auch eine Pianistin, nicht nur bei ihrem ersten Engagement im Orchester von Earl Hines, auch in ihrer Stimme, in ihrer Dynamik und rhythmischen Beweglichkeit. Ob sie mit Count Basie, Duke Ellington oder Oscar Peterson oder mit Streichorchestern sang, ihre Stimme füllte jeden Raum, weich und doch bestimmt, mit Vibrato oder klar intoniert, mit einer Technik, die so vollkommen war, daß Bewunderung und Gefühl eins wurden. Und doch war sie keine selbstverliebte Virtuosin, die etwas vorzeigen mußte. Die Melodielinien, die sie einem Song schenkte, machten ihn unverkennbar zu einem Sarah-Vaughan-Song, aber danach gehörte er wieder allen. Billie Holiday und Ella Fitzgerald erkannte man immer nach ein paar Sekunden, die Töne wurden mit der Person identisch; für Sarah Vaughan brauchte man ein paar Takte, sie diente dem Song und füllte die Musik mit ihrer Seele. Sarah, die Göttliche – Divine Sarah.

Vielleicht ähnelt sie darin der anderen Göttlichen – Greta Garbo. Es bleibt nichts zu fragen. Die biographischen Daten kann man nachlesen: Am 27. März 1924 in Newark, New Jersey, geboren, 1942 von Bill Eckstine bei einem Amateurwettbewerb im Apollo Theater mit ihrer Version von „Body and Soul“ entdeckt, Sängerin bei Earl Hines und – zwischen 1944 und 1945 – in Bill Eckstines Big Band, dann mit unzähligen Gruppen zwischen Jazz- und Nachtclubs pendelnd, umjubelt und erfolgreich – und doch als Person hinter der Sonnenbrille ihrer Musik versteckt. Es gibt Künstler, die man fragen möchte, wie sie etwas gemacht haben und warum das so ist; zu Sarah Vaughan wäre mir nichts eingefallen. Es bleiben keine Fragen, weil die Musik für sich steht. Es ist zu hören, alles ist gesungen. Zu sagen ist nur, daß sie gestorben ist, an Lungenkrebs, am Dienstag, dem 3. April 1990. K. H.