Vechta, 18. August 1957 – an diesem Sonntag treffen sich die Mitglieder der Rhetorica das erste Mal wieder nach den langen Sommerferien. „Nach Verlesung des Protokolls deklamiert Brinkmann vier Gedichte, deren Verfasser er nicht nannte. Die Versammlung versuchte an Hand einer dieser Gedichtskizzen ‚Schwäne im Herbst’ eine gültige Interpretation zu finden. Eine weitere Diskussion, ob man diese Gedichte als Kunstwerke bezeichnen könne, wurde ergebnislos abgebrochen.“ So können wir es heute, fünfzehn Jahre nach Brinkmanns Unfalltod in London, in einer Kladde mit den Rhetorica-Protokollen nachlesen, die man im altehrwürdigen Vechtaer Gymnasium Antonianum (das Brinkmann bis Klasse zehn besuchte) traditionsbewußt archiviert hat.

Altehrwürdig hielt man es in der Rhetorica auch mit der Disziplin, nach deren paragraphisiertem Regelwerk die selbstverständlich ausschließlich männlichen Pennäler ihre Vorträge hielten und kritisierten. „Rhet. Brinkmann“, der sich später mit literarischer Waffe aufs heftigste gegen alle Zähmungsversuche wehren sollte, lief Gefahr, nach Paragraph 48a der Rhetorica-Satzung mit einer dritten Rüge und damit mit dem Ausschluß bestraft zu werden, nachdem man auch mit seinem Ezra-Pound-Vortrag wegen der „expressiven, fast exaltierten Haltung des Deklamierenden in keiner Weise einverstanden“ war. Dem Antrag zu einer zweiten Rüge wurde mit zwölf Jastimmen bei einer Enthaltung stattgegeben. Begründung: „1. Das Zuspätkommen und also die Behinderung des reibungslosen Ablaufes der Tagesordnung. 2. Die unkorrekte und provozierende Haltung Brinkmanns. 3. Das vorzeitige und unbegründete Verlassen der Versammlung.“

Für Brinkmann war dieser Ort (den er auch späterhin als Gast noch aufsuchte) zu wichtig, als daß er es zu einer dritten Rüge hätte kommen lassen. Hier gab es keinen neidischen Deutschlehrer, der selbstgefällig die Formulierungen des begabten Aufsatzschreibers vor der ganzen Klasse verhöhnen mußte, hier war Brinkmann, wenn auch nicht von Verbündeten, so doch wenigstens von geduldigen Zuhörern umgeben. Kaum eine Sitzung, in der er sich nicht zu Wort meldete mit eigenen Gedichten oder mit Vorträgen über und Rezitationen von Benn, Brecht, Schnurre, Heine, Rilke, Pound oder Sartre.

Besonders ausführlich beschäftigte sich Brinkmann mit Gottfried Benn, und wie Benn ging es ihm darum, in eigenen Texten nicht zum „Bewisperer von Gräsern und Nüssen und Fliegen“ zu geraten. Die frühen Schreibversuche mögen Brinkmann solchen „Bewisperungen“ noch zu ähnlich gewesen sein, weshalb er sich als der Verfasser von „Schwäne im Herbst“ verschwiegen hatte:

„Schwane, – / auf erblaßtem Spiegel / aus Wiederschein und Ungewißheit / ziehen sie ihre großen Kreise / (...) / aus Morgenfrühe schreitet ihr Todessehnen entlang / den Alleen

Wiederum dieser Rhetorica verdanken wir die Aufklärung über den Urheber dieser epigonal unsicheren Töne, vor allem aber der Tatsache, daß man sich dort auch der Aufführung von Theaterstücken widmete, deren weibliche Rollen aus dem benachbarten Mädchen-Lyzeum besetzt wurden. Als Beckmann in Wolfgang Borcherts „Draußen vor der Tür“ („Sein Spiel war von einer Natürlichkeit und Sicherheit, auch in Geste und Mimik, daß der Dichter sich wohl keinen besseren Interpreten dieser Rolle wünschen konnte“, so die Oldenburgische Volkszeitung) verliebte sich der siebzehnjährige Brinkmann derart in seine Mitspielerin Elisabeth Piefke, daß er ihr im Laufe der folgenden zwei Jahre drei Poesiealben und einen Schnellhefter mit handgeschriebenen, selbstverfaßten Texten (dort stößt man auch auf „Schwäne im Herbst“) widmete und schenkte:

„(...) / – – in einer Nacht, wo der Wind / traurig war / Elisabeth, – / my one and only / vor mir liegt die Streichholzschachtel / mit –: / ‚pour le petit roi!‘ / Es ist eine ganz gewöhnliche, billige Streichholzschachtel / 5 Pfg, mehr kostet sie nicht / doch dahinter steht... / dahinter liegt Dein Spiel, in den Sand geschrieben, der / singt / (...)“