Von Manfred Rexin

Hatte es ein Verzeichnis der hundert mächtigsten Manner im Staate Erich Honecker gegeben, der Name Hans Modrows dürfte darin nicht gefehlt haben. Wer sechzehn Jahre lang Erster Sekretär einer SED-Bezirksleitung war – unmittelbar verantwortlich für die Lebensbedingungen von 1,8 Millionen Menschen in der Dresdner Region –, kann sich schwerlich darauf hinausreden, er sei nur Erfüllungsgehilfe jenes allmächtigen Politbüros gewesen, das jeden Dienstag über alles entschied und über jeden befand.

Allerdings hatte die herrschende Clique dem Dresdner Parteichef den Zutritt zum Politbüro verweigert. Nach dem letzten SED-Parteitag 1985 ließ sie ihn zunehmend Unwillen und Mißtrauen spuren. Anfang 1989 war ihm sogar ein Trupp von Partei-Inquisitoren nach Dresden auf den Hals gehetzt worden, die ihn das Fürchten lehren sollten. Zu dieser Zeit stand er bereits in dem Ruf, Gorbatschows Mann in der DDR zu sein. Die US-Botschaft tippte da eher auf den Ostberliner Bezirksparteichef Günter Schabowski, aber auch amerikanische Diplomaten rühmten Modrows Nachdenklichkeit und nüchternes Urteil.

Dem unbequemen Dresdner allzu scharf in die Parade zu fahren, das mochten die erstarrten alten Männer an der Spitze der Partei dann doch nicht riskieren. Modrow hatte in mehr als anderthalb Jahrzehnten seine Hausmacht im Bezirk gefestigt. Letztlich fehlte ihm auch die Statur eines Rebellen. An prinzipieller Loyalität zur Parteiführung hatte er es nie mangeln lassen – er verweigerte den greisen Dogmatikern in Ost-Berlin lediglich jene wohltonenden Erfolgsberichte, die sie um so mehr zu schätzen wußten, je ferner und bedrückender ihnen die Realität des realen Sozialismus erschien.

Modrow hat seiner Partei in vielen Funktionen gedient: acht Jahre lang, bis 1961, als FDJ-Bezirkschef in Berlin, dann sechs Jahre im Köpenicker Kreisbüro der SED, vier Jahre im Amt des Berliner Bezirks-Parteisekretärs für Agitation und Propaganda, schließlich von 1971 bis 1973 als Agitationschef der Partei im Zentralkomitee. Er war 45 Jahre alt, als er – ausgestattet mit einem gesellschaftswissenschaftlichen Diplom der Parteihochschule Karl Marx und einem ökonomischen Doktortitel der Humboldt-Universität – an die Spitze der Dresdner Parteiorganisation trat – eine Bilderbuchkarriere, die sich von der sorgsam geplanten Laufbahn anderer nur dadurch unterschied, daß es Modrow nicht nach Dienstvilla und Jagdhütte gelüstete. Er bezog mit seiner Familie in Dresden eine Dreizimmerwohnung, galt als Mann, der sachlichen Argumenten zuganglich war und den Blick nicht vor den Alltagssorgen seiner Mitbürger verschloß.

Daß unter seiner Aufsicht die Krake Staatssicherheit im Bezirk Dresden ihre Fangarme weniger gierig ausgestreckt hätte, ist nicht bekannt geworden. „Zur Person“ befragt von Gunter Gaus, sprach Modrow im DDR-Fernsehen von seinen „Verstrickungen“, aber er sei nie „Polizeioffizier“ gewesen und habe nicht in die Befehlsstrukturen des Sicherheitsapparates eingegriffen, der ihm vorigen Oktober auch in Dresden brutale Knüppeleinsätze lieferte. Früh habe er überlegt, wie man Gewaltlosigkeit erreichen könne.