Das hätte uns nicht passieren dürfen, es ist zu peinlich. Aber woher hätten wir wissen können, daß die Süddeutsche Zeitung Maxim Biller zum Schriftsteller der Saison ausrufen würde? Wir hatten uns, in spöttischer und zugleich argloser Laune, über einen in der Zeitschrift Tempo gedruckten Biller-Text hergemacht und ein Glösslein mit dem Titel „Der Furz“ fabriziert, da erschien ein Tag später die Frühjahrsbeilage der SZ, und von der Titelseite blickte uns dreispaltig und vorwurfsvoll Maxim Biller an, das Haupt in die Hand gestützt. Um das Photo herum erklärte uns der Kritiker Peter von Becker, was von Billers erstem Erzählungsband „Wenn ich einmal reich und tot bin“ zu halten sei: nämlich das beste.

Peinlich, denn um die Wahrheit zu sagen: Niemand von uns hatte bis dato Billers Erzählungen in die Hand genommen. Also überraschte uns Peter von Becker mit seinem Bekenntnis, er habe „seit den Nachkriegsromanen von Wolfgang Koeppen, seit Bölls früher Prosa, seit einigen Essays von Hannah Arendt, Adorno, Mitscherlich und Hans Magnus Enzensberger“ kaum etwas gelesen, was der Gegenwart „so wahr und diesmal witzig an den Nerv gegangen wäre“. Und kurz darauf verglich der begeisterte Rezensent seinen Autor mit George Tabori, Woody Allen, Philip Roth und John Updike, um ihn am Ende „einen Geistesenkel Tucholskys“ zu nennen.

Uns glühten die Ohren vor Scham, denn so viel war klar: Diesem Kosmos literarischer Kompetenz, dieser stringenten confusio oppositorum von Arendt, Allen und Adorno waren wir nicht gewachsen, und sie erinnerte uns an besagten Tempo-Text, wo Biller „diesen ganzen Pynchon-Calvino-Arno-Schmidt-Quatsch“ beiseite geschoben hatte. Wie hängt, so hatten wir uns gefragt, Italo Calvino mit Arno Schmidt zusammen? Jetzt fiel es uns wie Schuppen von den Augen: Alles hängt irgendwie mit allem zusammen, da haben Becker und Biller irgendwie recht.

Zum Beispiel Sex und Holocaust. Während im Haus die Familie Schneider von der Gestapo abgeholt wird, hat sich der Junge im Kleiderschrank seiner Schwester versteckt, wo ihn der Geruch der Wäsche ganz geil macht, und während draußen „die hektischen Stimmen summen“, stellt er sich vor, wie Ilse ihren Büstenhalter „langsam“ auszieht und „ihre langen, rosafarbenen Brustwarzen zum Vorschein kommen“. Als die Familie endlich abtransportiert ist, fällt der Junge aus dem Schrank und masturbiert.

Das sind die schrillen Pointen, die das Leben setzt, und Biller ist ihnen auf der Spur. „Hermann und Judith kannten nicht die Heiterkeit, moralische Strenge und gelassene Verliebtheit eines kinderlosen Paares, da war jedes falsche Wort gleich eine Granate und jeder wehleidige Blick eine Panzerfaust. Deshalb auch trug ihre gestrige Auseinandersetzung eher die Züge eines irakischen Senfgasüberfalls als die einer gewöhnlichen Meinungsverschiedenheit.“ Was hat, so mag der Leser fragen, ein Ehestreit mit einem Senfgasüberfall zu tun? Nun, besagtes Paar lebt in Israel.

Vergleichbares miteinander vergleichen, das kann jeder, und Zusammenhänge herstellen, wo welche sind, ist keine Kunst. Biller ist ein Künstler, ein absolut zeitgeistmäßiger. Da flackern die Pointen, da zucken schräg ganz heiße Szenen, und die Figuren treten auf wie Strichmännchen. Psychologie und erzählerischen Atem braucht er nicht. Denn wir kennen sie eh schon, die Figuren, die Räume, die Situationen. Wir kennen den Quark aus allen Titelstorys und Talk-Shows. Den aber würzt Biller mit einer schön scharfen Sauce, mit Auschwitz-Reminiszenzen der leckersten Art, mit geilen und reichen Juden der prächtigsten Sorte und garniert ihn heftig mit den Rattenschwänzen deutsch-jüdischer Peinlichkeiten. Biller darf das, denn Biller ist jung, und Biller ist Jude.

„Der große Furz“, so nannte er seine Tempo-Abrechnung mit dem Schriftsteller Jürg Laederach. So weit wollen wir nicht gehen.

Ulrich Greiner

• Maxim Biller:

Wenn ich einmal reich und tot bin

Erzählungen; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 1990; 251 S., 29,80 DM