Von Siggi Seuß-Weihmann

Tagtäglich sind wir Deutsche in Ost und West einer Flut von Informationen über uns selbst ausgesetzt – wir, die wir wieder einmal so unverhofft ins Rampenlicht der Weltöffentlichkeit geraten sind, mit unserem kollektiven Streben nach Zusammenwachsen dessen, was zusammengehören soll.

Nicht wenige Medienkonsumenten leiden schon an einem Gefühl der Übersättigung im Bereich der Großhirnrinde, andere fragen sich hingegen, ob das etwa alles gewesen sei, was in diesen langgezogenen historischen Stunden zu sagen wäre. Ist der deutsche Michel wirklich das Maß aller Dinge im Prozeß der Auflösung starrer Machtstrukturen auf dem kleinen Planeten in der Unendlichkeit des Kosmos?

Doch lassen wir unsere Gedanken nicht ins Unermeßliche schweifen, sondern beschäftigen wir uns mit jenen gesellschaftlichen Randgruppen im Lande, über deren Schicksal im Zuge der Vereinigung noch niemand öffentlich nachgedacht hat. Gibt es zum Beispiel eine Studie über Veränderungen im Sozialverhalten des Wildkaninchens West gegenüber seinen Brüdern und Schwestern im Osten, nachdem Mauer und Stacheldraht gefallen sind? Kurz gefragt: Wie reagiert die Tierwelt auf die neue politische Lage in Mitteleuropa?

Was uns Erwachsenen angesichts der täglichen Nabelschau des germanischen Individuums als nichtig erscheinen mag, hat sich der zwölfjährige Benedikt aus dem unterfränkischen Grenzstädtchen Mellrichstadt zur Aufgabe seiner Forschung gemacht. Da sich sein Kinderzimmer für eine Feldstudie der Lebensweise der Wildkaninchen nur bedingt eignet, konzentriert er sich auf das Vereinigungsgebaren des Mehlwurms – der Larve des Mehlkäfers (Tenebrio molitor) aus der 20 000 Arten umfassenden Familie der Schwarzkäfer (Tenebrionidae). Mit erstaunlichen und für jedermann ersichtlichen Ergebnissen, die der Jungforscher in einer Langzeitstudie mittels C-64-Computer wissenschaftlich auswerten will.

Die Vorgeschichte des Projekts ist in einfachen Worten erzählt. Benedikt – familiär vorbelastet: Vater ist Biologielehrer – nennt seit dem siebten Lebensjahr eine Mehlwurmzucht sein eigen, aus der er Schildkröten und Mäuse der Schulkameraden mit schmackhaften Nahrungsbeilagen versorgte. Er hätte sich damit wahrscheinlich auf längere Sicht begnügt, wäre da nicht in Folge der politischen Umwälzungen im anderen deutschen Staat ein Ereignis eingetreten, das das Züchterdasein Benedikts nachhaltig beeinflußte. So ist es halt im Leben von Abenteurern, Forschern und Wissenschaftlern: Die großen Entdeckungen resultieren nicht selten aus dem Zusammentreffen von Zufällen.

Bei einem Bummel durch die Erfurter Innenstadt fiel dem Buben der Aushang im Schaufenster einer Zoohandlung auf: "Mehlwürmer als Fischköder billig abzugeben!" 100 Gramm zu 4,50 Mark (Ost) – die Idee war geboren: "Ich werde die Mehlwürmer wiedervereinigen!"