Von Maria Gazzetti

Das Gehirn der Witwe Adalgisa „sauste und brauste von Erinnerungen, wie ein Feld im Juni von Insekten und Flügen, von Beinchen und Propellern“. Auf einer Parkbank monologisiert sie weitschweifig und sprunghaft über ihre Vergangenheit: den Aufstieg eines mailändischen Waisenmädchens zur Opernsängerin und weiter zur großbürgerlichen Heirat mit Carlo, dem Buchhalter und Insektensammler. Adalgisa redet einfach, um sich „die Trauer um Vergangenes zu vertreiben“, aber noch stärker ist sie bemüht, die eigene „Substanz zu erhalten“.

Mit seiner 1944 erschienenen Erzählung „Adalgisa“ schrieb Carlo Emilio Gadda eine Skizze voller Witz und Bosheit über die Mailänder Gesellschaft der Jahrhundertwende. Wie ein Feuerwerk prasseln Adalgisas Fragen auf den Leser herab, Fragen, die keine Antwort zulassen; das Ganze – adagio, allegro, allegretto – ist begleitet von Tränen, Klagen, Seufzern, Nasenschneuzern und Grimassen in Dialekt. Dabei bedeutet es für Adalgisa, von ihrem seligen Carlo zu reden, kaum mehr als von Käfern und Mistkäfern reden zu müssen, mit denen er „ganze Sonntage lang beschäftigt war“. Wie andere Figuren Gaddas läßt auch Adalgisa die Ereignisse ihres Lebens Revue passieren und versinkt dabei in tausend Details, die Gadda mit seiner barocken, bunten und humoristischen Sprachvielfalt auf tausend Nebenwegen verfolgt.

Wenn sich sonst bei ihm also alles, was ihm erzählerisch unter die Augen kommt, im Netz seiner Texte verfängt, in einem Gewebe ausschweifender Verweise, verschmitzter Anspielungen und labyrinthischer Verrätselungen, so bleibt bei „Adalgisa“ die eigentliche Story von den typischen gaddaesken Abschweifungen und Umwegen säuberlich getrennt. „Adalgisa“ ist eine Erzählskizze mit doppelter Buchführung. Den sechzig Seiten Erzählung läßt Gadda fünfzehn Seiten mit Fußnoten folgen, versehen mit sprachgeschichtlichen Erläuterungen, Anmerkungen zum sozialen, wirtschaftlichen, kulturellen Leben Mailands zur Jahrhundertwende, mit Belegen über Mathematik, Biologie, Exkursen über Entomologie, Mineralogie, Isoperimetrie. Und mehr noch: Auch Briefbeschwerer, wissenschaftliche „Apparate und Geräte aller Art, und Tisch- und Küchenmaschinen“, Klistiere, Barometer und Thermometer, Uhrenketten, Hutnadeln und Bügelfalten werden erläutert: „Die Hosen der Männer hatten keine Bügelfalte: sie erschien erst gegen 1905-1908 dank der Umsicht der verschiedenen Lord Brummeis der Via Mansoni (= Manzoni, Alessandro). Zur Bezeugung der Nicht-Bugelfalte wende man sich an das eherne Standbild Verdis (Giuseppe) auf Piazzale Buonarroti (Michele Angelo).“

Hier ist eine über sich selbst lachende verführerische Pedanterie am Werk, die ein Panorama bourgeoiser Familienbilder und -sammlungen in der „Ära des Positivismus“ entwirft, dabei immer wieder in Nonsens umschlägt. Dieser Fußnotenteil ist derart fesselnd, daß er auch seperat vom Erzähl-Text zu lesen ist – eine Enzyklopädie der Allgemeinplätze à la Bouvard und Pecuchet in modernisierter Fassung. Hier findet der Gadda-Fan endlich den vertrauten Sprach-Dschungel, der diesen Schriftsteller so einzigartig macht in seiner libidinösen Beziehung zum Wort, das, obwohl unzulängliches Instrument der Wiedergabe, gesucht, akkumuliert, geliebkost und gekostet, gezogen, gezerrt, geliebt und ausgeschöpft wird – weil Gadda aufs Beschreiben nun mal nicht verzichten will.

In den sechziger Jahren war Gadda, der 1973 mit 79 Jahren in Rom in völliger Einsamkeit gestorben ist, auch in Deutschland bekannt: mit seinem pseudokriminalistischen Roman „die graßliche Bescherung in der Via Merulana“ (1957), an dem er zwanzig Jahre lang gearbeitet hatte, und dem kurzen autobiographischen Roman „Die Erkenntnis des Schmerzes“ (1962). 1967 diente „Adalgisa“ als Titelerzählung für ein Suhrkamp-Bandchen, jetzt liegt es als Einzelbandchen in der schönen „Salto“-Reihe des Wagenbach-Verlages – in der gewohnt meisterhaften Übersetzung von Toni Kienlechner – wieder vor. Daß die Diktion von Gadda mit ihren Dialekten und Slangs unübersetzbar sei, hat die Übersetzerin mit ihren Arbeiten glänzend widerlegt. Mit „Cupido im Hause Brocchi“, der Erzählsammlung „List und Tücke“ und den Essays „Die Wunder Italiens“ (alle bei Wagenbach) könnte hierzulande ein neues Interesse für Gadda geweckt werden, das ihm die verdiente Beachtung zurückbringt.

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