Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, im April

Die Schwierigkeit kommt jetzt, noch im April.“ Verdeckt die knappe Prognose nur Anspannung und Lampenfieber? Das ist bei Rudolf Seiters schwer zu sagen. Gerade ist Horst Tietmeyer bei ihm gewesen, bis vor kurzem Staatssekretär im Finanzministerium, dann übergewechselt ins Bundesbankdirektorium und nun ganz persönlicher Kanzlerberater für die vertrackten Probleme der deutsch-deutschen Währungsunion. Und nach einer Weile wird Frau Peter, die erste Sekretärin, hereinschauen, um auf neue Besucher hinzuweisen, ebenfalls in deutsch-deutschen Angelegenheiten, versteht sich.

Rudolf Seiters aber sitzt, wenn auch nur auf der Kante seiner Ledergarnitur, so doch in Ruhe in seinem Amtszimmer und stopft die Pfeife. Je hektischer es zugehe, sagen seine Mitarbeiter, desto ruhiger werde er, nicht immer, doch meistens. „Lesen, dabei Pfeiferauchen“, hat der Kanzleramtsminister, bei dem mehr denn je die Fäden der Deutschlandpolitik zusammenlaufen, dem bekannten Fragebogen im FAZ-Magazin unter dem Rubrum der Lieblingsbeschäftigung anvertraut.

Die Zeiten sind so hektisch wie nie. In den nächsten Tagen soll die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion mit dem anderen deutschen Staat in den Grundzügen unter Dach und Fach gebracht werden – ein beispielloses Experiment, ohne jedes historische Vorbild, und dazu noch unter dem selbstgesetzten Termindruck. Sofort nach Ostern hat es eine Menge neuer Kontakte mit der frischgebackenen Regierung in Ost-Berlin gegeben; schon an diesem Donnerstag, gleich nach der Regierungserklärung des Ministerpräsidenten de Maizière, sollen die förmlichen Verhandlungen beginnen – und bis Anfang Mai sollen sie abgeschlossen sein. Der Zeitplan ist schier aberwitzig.

Das sagt, wenngleich gemessener, auch Rudolf Seiters. Doch dabei scheint ihn jene Ruhe zu überkommen, die um so mehr zunimmt, je unruhiger es wird. Mag sein, daß das einfach am Naturell liegt; in Osnabrück, wo der 52jährige geboren und aufgewachsen, und in dem emsländischen Torfstädtchen Papenburg, wo er seit langem zu Hause ist, geht es unaufgeregt zu. Aber er hat ja auch schon allerhand Nerven- und Nagelproben hinter sich, binnen kurzer Frist.

Als ihn vor genau einem Jahr Helmut Kohl ins Kanzleramt holte, als dessen Chef und Minister für die Deutschlandpolitik, hatte es zunächst den Anschein, als werde er nur fortführen, was alle seine Vorgänger getan hatten: die geduldige Politik der kleinen Schritte gegenüber Erich Honecker und dem SED-Regime. Doch die friedliche Revolution in der DDR hat die Aufgabenstellung völlig verändert. Nun ist Rudolf Seiters Mitgestalter, Koordinator und Administrator der Deutschlandpolitik in einer gewandelten Situation.