Ich nutze dieses Pasquill für eine pastose post-pasquale Petitesse, aber die Gedanken stürmen ja dermaßen auf mich ein, daß ich sie numerieren werde, denn sonst sind sie dahin, und wer ist wieder der Dumme? Genau: der kleine Sparer.

Das Pasquill ist übrigens eine Papierserviette des Hotels „Seute Deern“ in Leer/Ostfriesland, in dessen Erkerzimmer H.C. Artmann einst ein spätes Glück gefunden haben soll, und ein Pasquill ist die Papierserviette, weil ich über ihren werbenden Aufdruck hinwegzuschreiben versuche, was nicht so recht glückt, weshalb diese Petitesse sowohl pastos als auch post-pasqual geworden ist; soll nur keiner glauben, ich hätte es mit dem P.

Nun, peu à peu, die pensees.

Erstens. RTL FEUERT RAINER HOLBE krakeelte mich die Schlagzeile an, und weil ich wissen wollte, was man alles können muß, um von einem privaten Fernsehanbieter gefeuert zu werden, kaufte ich das Blatt.

Rainer Holbe hatte aber auch etwas Blitzdummes begangen. Er hatte etwas hingeschrieben, wofür jeder Pfaffe, vom Papst bis hinab zur Hilfsdiakonin Elsbeth Schulze-Schlingensief, nicht nur nicht gefeuert, sondern bezahlt wird. Die Juden, hatte er geschrieben, hätten die Menschheitsgeschichte angehalten (oder so), weil sie Jesum für einen Verbrecher ans Kreuz gegeben hätten. Erzblöd? Das sagen Sie, das sage ich, das sagen wir, die wir nicht getauft sind. Aber ringsum gibt es Leute, die so was glauben. Solche Leute kennen wir nicht? Solche Leute kennen wir doch. Sie nennen sich „die Gesalbten“. Dafür kriegen sie Kirchensteuer. Muß man sich merken.

Immerhin ist ja Rainer Holbe nicht so dämlich wie andere Mitglieder seiner Sekte. Er sagt, die Juden hätten Jesum „ans Kreuz gegeben“. Nicht gekreuzigt, nur drangegeben. („Jib et dran, Josef, du bis jetz nit in der Stimmung“, sagte die Dame im Nebentisch, als ihr muffiger Mann Ansichtskarten schreiben wollte.) Denn daß die Juden nie auf so eine unappetitliche, in jedem Sinne treifene, also unkoschere Hinrichtungsmethode verfallen Warden, erhellt bereits flüchtigste Bibel-Lektüre.

Holbe sagt, die Juden hätten Jesum „für einen Verbrecher“ ans Kreuz gegeben. Für wen? Für Barabas. „Barabas aber war ein Mö-hör-der“, heißt es in jeder besseren Johannes- oder Matthäuspassion lakonisch. War er aber nicht. Barajas war ein bewaffneter Widerstandskämpfer. Die römischen Besatzer hatten zwei Todesurteile verhängt, und weil Ostern war, durften sich die Bewohner der besetzten Gebiete aussuchen, wer Ton den beiden Promis begnadigt wird. Sie hatten also die Wahl zwischen einem Volkshelden und einem religiösen Spinner. Sie hatten die Wahl zwischen Che Guevara und Pfarrer Sommerauer, oder, wo wir gerade am Vergleichen sind, zwischen Sophie Scholl und L. Ron Hubbard.

Zweitens habe ich vergessen zu numerieren; deshalb kommt jetzt bruchlos

Drittens. Vor vielen Jahren habe ich im Auftrag der legendären Zeitschrift Sounds ein mißglücktes Interview mit Robert Crumb geführt, dem berühmten Underground-Cartoonisten, dem Hogarth, was sage ich: dem Doré des XX. Jahrhunderts, das heißt, ich hatte natürlich nicht den Auftrag, ein mißglücktes Interview zu machen, sondern ein geglücktes, es ist aber mißglückt, weil Crumb gesagt hatte: „Ich als Katholik...“, woraufhin ich gesagt hatte: „Ich dachte immer, du seist Jude...“, woraufhin es aber richtig losging. „Ich? Jude?“ belferte er auf mich ein. „Ich habe die Unbefleckte Empfängnis immer in hohen Ehren gehalten! Du dagegen ...“, fuhr er feindselig fort, „... du scheinst mir ein ausgesprochener Itzig zu sein“, und meine schlappen Einwände („Das bißchen Bart... Das bißchen Brille...“) gingen in Crumbs Geschrei unter: „CHRISTUSMÖRDER! CHRISTUSMÖRDER!“

Und darauf konnte ich ja nun nur geschmeichelt nicken. Es stimmt nämlich, wenn auch nur teilweise. Ich bin nämlich, und darauf bin ich stolzer als auf irgend was anderes, wenne Sieje bitte gestattene wollene, Viertelitaliener.

Viertens. Wovon hat sich eigentlich Franz von Assisi ernährt? Ich mein’, so’n abgeklärter sandalista, so’n ausgesprochener „Wa-ey?“-Typ, der Hassemanemaak-Mann par excellence, wovon hat der sich ernährt? Genau. Von Singvögeln. Erstens Italiener, und zweitens konnte er die Sprache. Nix Leimrute, nix mit der lupara durch die macchia –: Nö. Statt dessen: „Na, meine kleine Lerche, wie wär’s denn mit uns beiden in Aspik?“

Kein Urlaubsort, wo Vogelmord? Meinetwegen gern. Dann kann ich endlich wieder in mein geliebtes Neapel fahren, ohne euch dumme Touris beklauen zu müssen.