Nicht jede Wahrheit macht schon frei. Eine so grauenhafte wie die Ermordung von 15 000 polnischen Kriegsgefangenen, davon 4500 Offiziere, im Wald von Katyn war längst bekannt. Stalin und seine Schergen hatten das Verbrechen vor fünfzig Jahren begangen, nachdem sie als Hitlers Komplizen Polen überfallen hatten und bevor sie selbst von dem deutschen Diktator attackiert wurden. Das späte Eingeständnis lastet nun in anderer Weise auf der russisch-polnischen Nachbarschaft: nicht mehr als Tabu, sondern als Tatsache, berührbar und so erst recht Emotionen aufrührend.

Noch 1988 hatte sich Gorbatschow bei seinem Polen-Besuch gescheut, das heiße Eisen anzufassen. Auch den Moskau-Besuch des Premiers Mazowiecki nutzte er nicht zum überfälligen Schuldbekenntnis. Erst jetzt legte es der Kreml-Chef vor General Jaruzelski, den sein Volk nur mühsam respektiert, ab. Ob dem polnischen Präsidenten das „tiefe Bedauern über die Tragödie“, mit dem die Ikw-Erklärung die Untat fast zum Unfall degradiert, politisch zugute kommt?

Von „größtem propagandistischem Wert“ seien die Massengräber von Katyn, notierte 1943 der deutsche Generalgouverneur von Krakau, in dessen Nähe die Auschwitz-Ofen rauchten. Stalin als Alibi? Die Polen ließen sich nicht vereinnahmen – für Deutsche sowenig wie für Russen. Und ihr Verhältnis zu beiden blieb bis heute – wen wundert es? – gestört. Hj.Ste.