Wie kaum ein anderes Land läuft Japan Gefahr, mit den Klischees identifiziert zu werden, die über das Inselreich in Umlauf sind. Darum sind Bücher zu begrüßen, die für dieses Land über die flüchtige Kenntnis hinaus ein tieferes Verständnis fördern, zumal nur wenige Europäer Japan aus eigener Anschauung kennen.

Dem Diederichs-Verlag kommt das Verdienst zu, sich eines Außenseiters der japanischen Literatur angenommen zu haben, einer Publikation, in der eine bis heute fast unbekannt gebliebene Region des Landes beschrieben wird: die Provinz Niigata, das frühere Etchigo. Diese Gegend liegt nicht an der warmen, dem Pazifik zugewandten Seite, sondern am Japanischen Meer und ist somit extremen Witterungsbedingungen ausgeliefert.

Aus Asien führen kalte Winde Wolken heran, die hier, an der "Rückseite Japans", von hohen Bergen aufgehalten werden und zu ungewöhnlich starken Schneefällen führen. Das hat zur Folge, daß die Häuser oft ein halbes Jahr ganz und gar unter einer vier bis fünf Meter hohen Schneelast verschwinden. Noch Anfang Juni liegen meterdicke Eisblöcke auf den Feldern. Sie müssen auseinandergehst und abtransportiert werden, damit Reis gepflanzt werden kann.

Die harten Lebensbedingungen der Menschen in Etchigo, an denen sich bis heute kaum etwas geändert hat, beschrieb der aus dieser Gegend gebürtige Kaufmann Bokushi Suzuki in einem faszinierenden Reisebericht, der bereits 1836 in Japan erschien und sogleich ein großer Erfolg wurde. Dieser Klassiker mit dem Titel "Hokuetsu Seppu", zu deutsch "Schneeland-Symphonie", wurde in Japan seither mehrmals wieder aufgelegt. Nun liegt das Buch erstmals auch in deutscher Übersetzung vor:

  • Bokushi Suzuki:

Leben unter dem Schnee

Geschichten aus dem alten Japan; aus dem Japanischen von Rose Lesser; Eugen Diederichs Verlag, München 1989; 42,– DM.