Thailands wirtschaftlicher Einfluß auf seine kommunistischen Nachbarn wächst

Von Gabriele Venzky

Es galt einem dringenden Bedürfnis abzuhelfen. Und die Hilfe kam von den in diesen Dingen recht erfahrenen Thais: Nun hat auch Ho-Tschi-Minh-Stadt, früher besser bekannt als Saigon, seine Schönheitskönigin, die erste unter kommunistischer Ägide.

Seine erste und ganz auf kapitalistischer Basis operierende Privatbank bekam derweil das kommunistisch regierte Laos: In Vientiane öffnete Anfang Oktober die Joint Development Bank ihre Tore, abermals unter Assistenz der hilfreichen Thais. Siebzig Prozent des Kapitals hält eine erfolgreiche thailändische Geschäftsfrau, das Management wird von der Union Bank in Bangkok gestellt. Zur gleichen Zeit erhielt das kriegszerstörte Kambodscha seine erste Importladung brandneuer Westautos. Der Parlamentsabgeordnete Thanit Traivudh verschiffte ganz legal dreißig auf thailändischen Fließbändern zusammengebaute Mitsubishis von Bangkok in das Land hinter dem Bambusvorhang, das seinen Autobedarf bisher mit sowjetischen Ladas und Wolgas und geschmuggelten Japanern deckte. Thanit glaubt, daß in Kambodscha ein Bedarf von hundert Importautos pro Monat besteht, und er ist bereit, die Nachfrage zu decken.

Tor zum Westen

Thanit, im Nebenberuf Abgeordneter in Bangkok und Vertrauter des thailändischen Premiers Chatichai Choonhavan, ist der unbestrittene König in dem florierenden Handel, der sich zwischen Thailand und seinen kommunistischen Nachbarn entwickelt hat. Er vertritt in der Nationalversammlung seine Heimatprovinz Trat, die im Süden Thailands an der Grenze zu Kambodscha liegt. Gerade gegenüber und mit den schmalen thailändischen long-tail-Booten schnell zu erreichen, liegt die kleine kambodschanische Insel Koh Kong. Waren im Wert von rund dreißig Millionen Mark werden hier Monat für Monat umgeschlagen: Alles Konsumgüter, und über die Hälfte kommt aus Thailand.

Koh Kong hat sich in aller Stille zum Tor zum Westen entwickelt, während der weiter südlich gelegene alte Hafen Kompong Som den Handel mit den sozialistischen Staaten bewerkstelligt. Außer den Thais kommen Frachter aus Singapur und Japan nach Koh Kong, an Bord gebrauchte Motorräder, Maschinen und andere Waren, für die sich im Westen keine Abnehmer mehr finden. Früher lebten ein paar hundert Menschen auf der kleinen Insel, Bauern und Fischer. Heute hat Koh Kong 70 000 Einwohner. Der thailändische Baht ist die inoffizielle Währung, noch beliebter sogar als der amerikanische Dollar. Nicht nur die dicken Geldbündel, die abends sorgsam verstaut werden, sondern auch die – in Kambodscha sonst unbekannten – Fernsehantennen überall auf den Dächern der windschiefen Hütten deuten auf Wohlstand hin. Wohlstand ist auch eingekehrt in der einst so abgelegenen und deshalb rückständigen Provinz Trat. Hier landen die Güter, mit denen die Kambodschaner bezahlen: Meeresfrüchte, Holz, Felle und Mineralien. Für ihre Verarbeitung sind neue Fabriken entstanden; in der Provinz herrscht Vollbeschäftigung.