Mit dieser Wende haben auch die Meisterschützen nicht gerechnet. Die Kapelle bricht ab, peinliche Lautlosigkeit. Der Bär steht auf und verharrt wie versteinert. Er wurde nicht getroffen. Nicolae Ceauşescu wirft hysterisch sein Schießgewehr zu Boden und schlägt mit der Faust auf die Balustrade des Standes: Hat er doch geschossen, so hat sich der Bär wohl getroffen zu geben! Ein zweites Mal schießt ein Präsident nicht mehr. Die Meisterschützen in den Bäumen retten die dramatische Lage. Ihre gedämpften Schüsse durchsieben die Brust des Tieres. Der Riese torkelt einige Augenblicke in der eigenen Blutlache und stürzt. Ceauşescu hebt mit dem Ernst eines Heeresführers den Feldstecher an die Augen und genießt den Anblick. "Der scharfäugigste Falke der Karpatenarena" trocknet seine angeschwitzte Stirn und sucht lächelnd das Gesicht seiner Ehefrau.

Der Protokollchef flüstert in das winzige Mikrophon unter seinem Kragenspiegel den Befehl "3/11". Dies bedeutet: Im nächsten Augenblick tönen aus den Lautsprechern Ceauşescu-Fanfaren. Es folgt die Staatshymne. Ceauşescu winkt sichtlich glücklich von seinem Stand und läßt sich an der Leiter auf den teppichbezogenen Sprossen herunter. Auf der ersten Stufe bleibt er stehen, um stolz die Brust zu heben, auf der nun die Goldmedaille "Bester Schütze Rumäniens – Laposnya 1984" angebracht wird.

Der Autor, in Siebenburgen geboren, war Mitarbeiter der Akademie für Politische und Soziologische Wissenschaften Rumäniens. Zur Zeit ist er akademischer Mitarbeiter an der Universität des Saarlandes.