Von Erika Martens

Streik oder nicht Streik – das ist die große Frage, die derzeit niemand beantworten kann. Glaubt man dem immer lauter werdenden Kampfgeschrei von Gewerkschaften und Arbeitgebern, dann sind Arbeitskämpfe in der Metallindustrie ebenso zwangsläufig wie in der Druckbranche. In beiden Bereichen geht es im Kern um die Einführung der 35-Stunden-Woche, ein Thema, das die Tarifparteien seit Beginn der achtziger Jahre in Atem hält.

Wenige Tage vor Ablauf der Friedenspflicht an diesem Wochenende wird der Ton gereizter werden, die Drohungen unmißverständlicher. Franz Steinkühler, Chef der IG Metall, hält eine friedliche Lösung für "immer unwahrscheinlicher". Die Geduld der Metaller sei am Ende, "wir lassen uns von den Arbeitgebern nicht vorführen". Und Werner Stumpfe, Präsident des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall, kündigt bundesweite Aussperrungen für den Fall an, daß "an irgendeiner Stelle in der Bundesrepublik" gestreikt werde.

Kein Zweifel, die Metall-Tarifrunde geht nach rund hundert regionalen Verhandlungen nun in die heiße Phase. Gerade rechtzeitig zum Kampftag der Arbeiterklasse rüstet die Gewerkschaft allerorten für den Ausstand. Der Fahrplan steht: Mit massiven Warnstreiks am 30. April will sie den 1. Mai, der sich zum hundertsten Mal jährt, in verschiedenen Betrieben einläuten. Am 8. Mai könnte der Vorstand der IG Metall über das Scheitern der Verhandlungen entscheiden und einen oder auch mehrere Bezirke mit der Vorbereitung der Urabstimmung beauftragen. Mitte Mai, kurz nach den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen, wäre der Tag X dann da.

Doch dieses Szenario des Schreckens muß so nicht kommen. Auch nach dem Ende der Friedenspflicht gibt es in mehreren Bezirken Verhandlungstermine. Der wichtigste: Am 3. und 4. Mai treffen sich die Kommissionen des Tarifgebiets Nordwürttemberg/Nordbaden in Göppingen. Sowohl der Stuttgarter Bezirksleiter Walter Riester als auch sein Widerpart Dieter Hundt vom Verband der Metallindustrie Baden-Württemberg (VMI) lassen durchblicken, daß sie nicht ohne Optimismus in diese entscheidende Runde gehen.

Der kampferprobte Bezirk im Südwesten ist seit Jahrzehnten tarifpolitischer Schrittmacher. Hier sind die Voraussetzungen für einen Abschluß seit langem besonders günstig: Finanzstarke Großunternehmen sorgen ebenso wie ein blühender Mittelstand für gute Konjunktur. Schon 1984 – in der ersten Runde um die Verkürzung der 40-Stunden-Woche – wäre ohne die Baden-Württemberger wohl nichts gelaufen.

Beim zweiten Schritt in Richtung 35-Stunden-Woche, vor drei Jahren, gelang es den Spitzen von IG Metall und Gesamtmetall allerdings, den Verhandlungsführern im Südwesten das Heft in letzter Minute aus der Hand zu nehmen. Damals, als im Schloßhotel "Liebenstein" in der Nähe des Atomkraftwerks Neckarwestheim der Durchbruch greifbar nahe schien, schalteten sich zum Ärger der Baden-Württemberger die Zentralen von Gewerkschaft und Arbeitgeberverband ein. Franz Steinkühler und Werner Stumpfe ernteten mit dem Bad Homburger Vertrag am Ende die Lorbeeren.